12 Monate, 100 Meilen und ein Knie.

017

Pausen sind unerlässlich, wenn man sich derartiges erkämpft hat, wie ich in den letzten Monaten. Bevor man wieder einsteigt, muss man alle Blessuren ausheilen lassen und im wahrsten Sinne des Wortes die Füße still halten. Ich weiß das. Ich habe mich fast immer daran gehalten. Ich erinnere mich an einen schönen Morgen zu Hause, kaum eine Woche nach dem WHEW; ich sitze zu Hause auf der Couch, gerade vom Dienst heimgekommen und denke: „Ich muss vernünftig sein und warten, bis das Knie wieder mitmacht“, völlig ohne Zweifel, „aber toll finden muss ich das ja dennoch nicht!“ Ich bin vorübergehend zu einem dieser Läufer geworden, der nicht läuft und sich fühlt, wie ein Fisch an Land. Ich sehe meine Felle wegschwimmen, mit jedem Tag ein bisschen von meiner Form schwinden. Meine Runalyze-Marathon-Form ist kurzer Zeit von 1060 auf 550% gesunken – nicht, dass diese Zahl wirklich viel aussagt, aber sie bestätigt mein Gefühl, dass die unzähligen Stunden, die ich mir um die Ohren gehauen habe im Nu von der Oberfläche abzublättern scheinen, wie alter Lack von einer wettergeplagten Holzwand. Mehr aber, als dieser Umstand ärgert mich die Tatsache, dass diese mentale Prüfung mir vergleichsweise schwer zu bestehen vorkommt. Mich ärgert das, weil ich auch diese Herausforderung als Teil des Ultralaufens ansehe. Es ist schwer, sich klar zu machen, dass es sich gelohnt hat, eine Verletzung zu riskieren, weil ich damit mein Ziel ziemlich gut erreicht habe. Mein Blick fällt auf das großformatige Bild, das mich zeigt, wie ich am 6. Mai mit einem großen Satz über die Ziellinie des WHEW gesprungen bin. Ich trete ans Fenster und lehne mich hinaus. Das Wetter ist perfekt , die Luft klar, am Himmel kaum eine Wolke. Es ist warm, aber windig, ein perfekter Tag für 30 Kilometer. Doch dieser Vormittag im eitlen Sonnenschein wird für mich ungenutzt dahingehen. Es ist ärgerlich, aber es ist gewiss nicht der letzte schöne Nachmittag auf diesem Planeten, höchstwahrscheinlich nicht einmal in diesem Sommer, diesem Sommer, der ja noch nicht einmal angefangen hat!
Wieder wandert mein Blick auf das Bild – so sehr ich jetzt auch darunter leide, diesen Moment, diese fast elfeinhalb Stunden war es wert; wert, was mich bei jedem Lauf antreibt, zu hören, nämlich das Geräusch meiner Schritte und meiner Atemzüge, einer nach dem anderen, und jeder ein Selbstzweck; zu laufen und zu laufen, ohne Pause, ja selbst das Leiden und die Schmerzen, die ich am Ende besiegt habe und die jetzt ihren Tribut fordern. Ja, das war es wert. No regrets.

In diese Erkenntnisfallen musste ich mich in den drei Wochen nach dem WHEW, die mein Knie bislang gebraucht hat, um wieder zu heilen, immer wieder locken, mit den Bildern und ein paar Mantras vor Augen, als sei das Abwarten auch eine Langstrecke. In der Zwischenzeit bin ich Schwimmen gegangen, habe das Bein in die Ecke gelegt und mir ein paar der entscheidenden Stunden zusätzlichen Schlafs gegönnt, aber immer, das muss ich zugeben, mit meinem Drang zu laufen gerungen und gehadert. Langsam wieder an die Schmerzgrenze zu laufen, anfangs nur zwischen fünf und sieben Kilometern, war zwar eine Erleichterung, aber doch kein Spaß, denn immer musste ich nach unten in mich horchen um schnell genug reagieren zu können, wenn der Schmerz einsetzen würde. Dieses Gefühl der Freiheit beim Laufen hat mir schmerzlich gefehlt, und erst zu diesem Zeitpunkt, beim aktiven Kampf gegen eine Verletzung, war das Training wirkliche Arbeit für mich.  Viele Lauf-Freunde haben mir gesagt, ich hätte während der letzten Monate hart trainiert, und ich selbst habe diesen Ausdruck hin und wieder übernommen; auf gewisse Weise ist das sicherlich objektiv richtig, denn ich habe immer wieder Härten hinnehmen und ihnen trotzen müssen, z.B. an dem Tag, als ich 60 Kilometer bei einem aufkommenden Sturm gelaufen bin: nach der ersten halben Stunde lief mir bereits das Wasser über die Schienbeine und ich habe gegen Böen anlaufen müssen. Ich habe mich so manches Mal von meinem behaglichen Platz auf dem Sessel neben der Heizung losreißen und nach draußen zwingen müssen, um mich fünf bis sechs Stunden bei Temperaturen um den Gefrierpunkt dort herumzutreiben. Als es dann endlich warm wurde, habe ich mich geplagt, wenn eine Langstrecke an einem Tag lag, an dem es fünf, acht, zehn Grad wärmer war, als in den drei Wochen zuvor. Ich habe streckenweise – nicht zuletzt beim WHEW selbst – gegen Schmerzen anlaufen müssen; und doch würde ich bei all diesen Härten nicht sagen, ich hätte wirklich hart trainiert. Ich habe getan, was zu tun war, nicht eine Sekunde gezweifelt und am Ende fast jeden Laufs doch wieder bei mir gedacht: „Das war super!“ Ich habe jede Härte als wichtige Erfahrung gesehen, denn hätte ich z.B. den WHEW im Regen bei 16 Grad laufen müssen, hätte ich mir ins Gedächtnis gerufen: „Ach komm, Du bist schon stundenlang bei Windstärke 5-7, Regen und 8 Grad gelaufen, dann schaffst Du das hier jetzt auch!“ Jede Unbill, die mir im Training begegnet ist, wurde so zum Stein in meiner Mauer gegen die Härten und Ungewissheiten eines dreistelligen Ultralaufs.

Nach allem, was ich für, während und nach meinem WHEW durchgemacht habe – denn die Herausforderung, die Pause und den kleinen Absturz danach zu bewältigen, gehört definitiv zu den Herausforderungen, die dieser Sport bereithält – ist mir klar, dass es die Liebe zu diesem Sport und zu allem ist, was er bedeutet, die mich all die Strapazen hat klaglos ertragen lassen. Ich habe den Punkt überschritten, an dem Ultralaufen für mich nicht mehr länger nur ein Sport, sondern auch eine Form der Existenz geworden ist. Die Bewältigung dieser ersten großen Herausforderung hat in mir etwas verändert, eine neue Klarheit geschaffen, ein Gefühl des inneren Friedens und der Stärke. Ja, ein Teil von mir ist bärenstark geworden. Nachdem ich die 100 Kilometer bezwungen habe, fühle ich nicht den berühmten Ultra-Blues, sondern bin hochmotiviert, weiterzumachen, weiter zu gehen und meine Ziele zu verfolgen, allen voran die Tortour de Ruhr im nächsten Jahr. Selbst die Tatsache, dass meine Knieprobleme noch anhalten und meine Teilnahme an der Kölnpfad 110-Kilometer-Edition in den Sternen steht, ficht mich kaum an. Zum Einen ist die Erholungszeit zwischen den beiden Läufen für einen Novizen wie mich ohnehin mehr als sehr knapp, zum Anderen sind Veranstaltungen nicht alles. Das Denken des Ultraläufers sollte nicht nur beim Laufen, sondern auch bei der „Karriereplanung“ eher langfristig ausgerichtet sein. Gewiss habe ich den Kölnpfad noch nicht aufgegeben; eine endgültige Entscheidung werde ich in zwei Wochen treffen; fest steht aber, dass die Zeichen nicht sonderlich gut stehen. Voraussetzung ist für mich, im Vorhinein mindestens einen langen Lauf über 50km ohne ein Anzeichen für Probleme im Knie bestritten zu haben. Wir werden sehen, ob mein Körper da mitmacht.

Bis dahin werde ich also den Laufrucksack in die Ecke legen, ein wenig auf den kleinen Distanzen rumkrebsen, mich mit dem Fahrrad und im Schwimmbad herumtreiben und schonend die Durchblutung ankurbeln, so gut es geht. Mehr kann ich nicht tun. Danach beginnt das Training für ein großes Ziel, das noch zwölf Monate und 100 Meilen entfernt liegt: Rheinorange!

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Ein Kommentar zu “12 Monate, 100 Meilen und ein Knie.

  1. Gerade dein erster Abschnitt schreibt mir aus der Seele! Das ist schon beängstigend, wie sehr man sich diesem Sport verbunden fühlt und wie man sich grämt, wenn man ihn nicht ausführen kann, obwohl es so viel andere, schöne Dinge zeitgleich zu bewundern und zu genießen gäbe.

    Die langfristige Planung ist goldrichtig. 12 Monate sind als Ultra-Novize durchaus ein sinnvoller Zeitraum bis zum nächsten Highlight. Und die TorTour ist ganz gewiss ein ganz besonderes Highlight!

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