Zwei Tage, 78 Kilometer

Hier nun endlich mein Post zu meinem Laufwochenende mit knapp 78km „Back-to-Back“. Ziel war es, Trainingsreize zu setzen, um mich dem Laufen von Ultradistanzen weiter anzunähern. Neben der körperlichen geht es dabei auch um die mentale Ausdauer, das hatte ich schon vorher geahnt und so habe ich es am vergangenen Wochenende – besonders am Sonntag – schließlich auch erfahren; oder, weil dieses Wochenende vergleichsweise ein Hineinschnuppern ins Ultralaufen gewesen ist: ich habe eine Idee von einem Hauch von einer Erfahrung dessen bekommen. Auf dem Programm für das Wochenende standen insgesamt drei Läufe mit rund 80km Gesamtumfang:

  • Ein langer Traillauf über 35km mit über 1000 Höhenmetern am Samstag
  • Im direkten Anschluss ein Lauf zu meiner Freundin von 11-15km entlang der Ruhr
  • Ein 35-km-Streckenabschnitt des RZR-Radwanderwegs, der eine Gesamtstrecke von 60km umfasst – mein Einstiegspunkt war der Beginn einer alten Kohlenbahntrasse in Hattingen, Endpunkt mein Wohnort Wetter

Samstag: Trail und Ruhrtal
Four Cities

An meinem freien Wochenende also, nach vorangegangenen, lauffreien Tagen in der Woche, wollte ich zunächst endlich meinen schon oft aus Zeitmangel verschobenen Vierstädtetrail angehen, der das Stadtgebiet von Wetter, Witten, Herdecke und Dortmund umfasst. Ich hatte mir die Strecke bereits vor einigen Monaten bei Gpsies zusammengeklickt – zum ersten Mal mit einer überwiegenden Zahl an Segmenten, die ich nur von der Karte kannte. Dank der Navigationsfunktion meiner Fenix 3, ergänzt durch mein Android-Handy, auf das ich die Tracks mit Hilfe der Karten-App Osmand auch immer lade, stellten sich diese unbekannten Abschnitte allerdings nicht als großes Problem dar. Nachdem ich nun endlich auch herausgefunden hatte, wie man die in Gpsies erstellbaren Abbiegehinweise auf der Fenix zum Laufen bekommt (vielen Dank an den Südkreisläufer!), sollte das Navigieren auf der Strecke wohl kaum noch durch Stopps für den Blick auf die Karte unterbrochen werden, so meine Hoffnung. Da ich meinen zweiten Lauf gegen 16:00 starten wollte, hatte ich die Startzeit für rund 10 Uhr festgelegt, um zwischen den Läufen wenigstens etwas Regenerationszeit zur Verfügung zu haben. Je nach Zustand nach dem Traillauf würde ich auf dem Weg zu meiner Freundin noch neue Laufkleidung und etwas Nahrung sowie einige Gegenstäde mitnehmen müssen, die ich nicht in meiner bereits seit Freitag bei ihr lagernden Dropbag hatte deponieren können, aber im Zusammenhang mit dem Sonntagslauf, der direkt von ihr aus starten sollte, benötigen würde. Nach einem guten Frühstück ging es schließlich mit allen GPS-Tracks für das Wochenende, einer frisch aufgestockten Paylist, einer vollgeladenen Fenix und der traditionellen Schlammkruste auf den Speedcross hinaus in den strahlenden Sonnenschein – der Konstante dieses Wochenendes – und an den üblichen Start in meine Trailabenteuer.

Trail auf dem Wartenberg

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 Die Strecke bietet viele Singletrails wie diesen.

Nachdem ich die altbekannten Pfade entlang des Harkort- Aren- und Wartenbergs hinter mir gelassen und auch das schöne Segment entlang der Teiche im Wald zwischen Borbach und Hasenhölzchen durchquert hatte, erreichte ich nach einigen Problemen mit der Streckenführung in Witten-Schnee das Grenzgebiet zwischen Herdecke und Dortmund, wo weitere Waldwege und ein großer Anteil wirklich schöner Singletrails auf mich warteten. War die Strecke bis dahin noch sehr durch Steigungen geprägt, wurde sie hier deutlich flacher und ich konnte das Tempo etwas anziehen. Lediglich im Wald vor der Ruhrwaldstraße musste ich nochmal eine steilere Steigung erklimmen. Nach deren Überquerung bog ich hinter dem Golfclub wieder rechts in den Wald ein, wo schnell wieder ein Singletrail auf mich wartete, der, wenn auch etwas zugewuchert, dennoch wunderbar zu laufen war. Nach der Überquerung der Hohensyburgstraße führte mich ein weiterer, sehr schöner Singletrail über den Klusenberg steil herunter auf die gleichnamige Straße, dann einige Anstiege zurück auf einen engen Pfad am Speicherbecken des Koeppchenwerks vorbei und schließlich den Jollenstein herab auf den letzten, mit ca. zwei Kilometern längsten Asphaltabschnitt, der mich an den Fuß des Gebirgszuges zwischen Wetter und Herdecke zurückführte; von hier aus überquerte ich den Bergrücken und lief auf der südlichen Flanke entlang des Bergprofils, kämpfte mich, nun mittlerweile etwas erschöpft, die letzten Steigungen herauf und durchquerte die letzten Waldstücke nach der Wiese am Harkortberg bis vor meine Haustür.

Ich hatte 4:28 gebraucht, reine Laufzeit 4:11, ein klein wenig mehr, als ich gedacht hatte. Der Lauf war insgesamt wirklich großartig, sehr anstrengend, aber immer wieder mit flacheren Passagen, die ein wenig Regeneration für die nächste Steigung ermöglichten (natürlich habe ich mehr als genug Gehpausen einlegen müssen, wenn es bergauf ging, aber das war ja von Vornherein klar). Obwohl das Kartenmaterial, auf das man heutzutage zugreifen kann, schon eine recht genaue Differenzierung der Wegearten ermöglicht und eine verhältnismäßig genaue Vorstellung von der Gesamtbeschaffenheit der Strecke (auch der Topographie) vermittelt, hätte ich nicht gedacht, dass es so schön werden würde. Diese Runde zwingt einem zwar auch vereinzelte Asphaltabschnitte auf, entschädigt dafür aber mit einem sehr hohen Anteil an Singletrails und Wald- und Forstwegen, herausfordernden, durchaus auch mal langen Steigungen und Bergabstücken, flachen und/oder schlammigen Trails und steilen, technisch anspruchsvollen Abstiegen mit teilweise wundervollen Aussichten. Sie ist extrem abwechslungsreich und bietet ebenso Wege entlang freier Flächen wie auch einen großen Waldanteil. Kurzum: ich bin sehr zufrieden mit dieser Strecke. Ich werde noch einige Erweiterungsstücke – z.B. im Bereich zwischen dem Wartenberg, dem Harkortberg und der Ardeystraße in Witten – einbauen, die ebenfalls gut in das Profil passen, aber auch diesen Originalkurs noch das eine oder andere Mal unter die Stollen nehmen (und dann auch noch mehr Fotos schießen)!

Der sich den Wolf klickt: Abbiegehinweise, manuell hinzugefügt...

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Navigation mit der Fenix3
Die Navigation mittels Abbiegehinweisen funktionierte – solange sie funktionierte – recht gut: die Abbiegehinweise an sich kamen zwar meist leicht verzögert (ich habe sie manuell erstellt, es empfiehlt sich, sie recht weit vor den Kurven zu platzieren, darüber schreibe ich beizeiten noch), doch die Uhr macht bereits 30-40 Meter vor dem Wegpunkt eine Vorankündigung; richtet man sich nach dieser, kommt man sehr gut klar. In Verbindung mit der Wurmnavigation funktionierte das Navigieren auch in völlig unbekanntem Terrain eigentlich recht gut, ich war zufrieden – bis die Uhr die Abbiegehinweise verschwieg und ich nur noch mit der Wurmnavigation auskommen musste. Das Problem: man muss ständig auf die Uhr schauen, wenn man nicht erst durch eine Streckenabweichungs-Meldung auf eine verpasste Abbiegung hingewiesen werden will und dann eine (zum Glück nicht sehr weite, ich schätze maximal 50-80 Meter lange) Strecke zurücklaufen muss. Das wird noch dadurch erschwert, dass die Uhr ständig auf die 0,3km-Ansicht zurückspringt, die bei Weitem nicht genau genug ist, um zu navigieren, besonders, wenn die Wegführung durch viele Abzweigungen komplizierter wird. Auch ein Neustart der Navigation brachte mir die Abbiegehinweise nicht zurück – jedoch war dieser Umstand nur in einem Segment, während dessen Durchquerung ich oft hatte abbiegen müssen, wirklich nervig, aber davon abgesehen konnte ich die Strecke dennoch recht gut finden.

Auf der letzten Rille durch’s Ruhrtal
Zu Hause angekommen, trocknete ich mich kurz ab, stopfte neue Laufsachen und Nahrung für den nächsten Tag in mein Adv Skin 3 Set 12, füllte eine der UD-Falschen auf, aß etwas und brach Richtung Witten Heven auf. Nach einem schnellen Abstieg vom Harkortberg merkte ich schnell, dass keine Rekordzeit mehr zu erwarten war; die Erschöpfung war doch recht deutlich zu merken. In Bommern verließ ich die Trasse des Ruhrtalradwegs und lief entlang des Ruhrdeichs weiter. Mir war schnell klar, dass ich die kürzere Routenoption wählen würde, die mich zwar über den Hevener Höhenkamm führen, aber rund vier Kilometer weniger bedeuten würde, als die andere Möglichkeit entlang der Schleuse und bis zum Kemnader Stausee. Auf der langen Geraden bis zum Ende des Ruhrdeichs gab ich nochmal ein wenig Gas, achtete auf meine Technik und wurde tatsächlich deutlich schneller; allerdings wusste ich da schon, dass ich mich dafür auf dem Anstieg auf den c.a. 40 Meter hohen Kamm mit einer schönen kleinen Gehpause belohnen würde. Nach 12 Kilometern und 1:16, zusammengerechnet also nach fast sechs Stunden Laufen, warteten eine heiße Dusche, Bier und eine Feier mit viel Essen auf mich. Tag eins war geschafft, mehr noch aber ich.

Sonntag: Hattingen – Sprockhövel – Wetter
Nach einer Feier mit mäßigem, aber spürbarem Alkoholkonsum, eher schlechtem Schlaf und einem guten Frühstück bestieg ich in Witten den Bus nach Hattingen und begann südlich des Schulenbergtunnels (übrigens auch ein guter Startpunkt für ausgedehnte Trailläufe in Richtung Elfringhauser Schweiz), meinen doch leicht erschöpften Körper wieder in Gang zu setzen. Ich pendelte mich bei einer Pace von knapp unter sechs Minuten ein und hatte recht schnell mit dieser kleinen, fiesen und lauter werdenden Stimme zu kämpfen, die mich zu Gehpausen zu überreden versuchte. Da war er also, der Punkt, an dem das Leiden beginnt und mentale Stärke gefragt ist. Auf die aufkommende Frage, warum ich noch Laufe und mir das antue, antwortete ich mir selbst: „Weil es genau darum geht!“ Das half, auch, wenn ich es mir mehr als nur einmal und nur zu einer Gelegenheit habe sagen müssen. Ich lief und lief die sanfte, aber gnadenlose und knapp 13 Kilometer lange Steigung hinauf bis zum Schacht Hövel, pausierte dort kurz und lief weitere zehn bis elf Kilometer bis zum Ende der Bahntrasse in Gevelsberg-Silschede durch, immer wieder die immer gleiche Antwort auf die immer gleiche Frage gebend, aber auch immer das ersehnte Ende der Steigung suchend. Für mich ging es immer noch Bergauf, aber, wie ein Blick auf das Streckenprofil versichert: das war eine innere Steigung.

Nunmehr auf der Esborner Straße laufend, verließ mich seltsamerweise mein Handyakku. Vielmehr, er stellte seine Funktion ein. Keine Musik mehr, nur noch Schritte, nicht mal mehr Frage und Antwort, selbst der Schweinehund erschöpft. In dem Wissen, dass die Esborner Straße mich bis nach Wengern in einer gnädigen, ständigen Abwärtsbewegung halten würde, verzichtete ich auf weitere Steigungen in dem eigentlich geplanten Westschlenker um den Böllberg, war auch bereit, dafür auf die Überschreitung der 80km-Marke zu verzichten. Durch Wengern folgte ich der Elbsche bis auf den Ruhrtalradweg – nur noch vier Kilometer! In meiner Euphorie übersah ich einen auf den Weg ragenden Ast, strauchelte und konnte meinen Sturz mit den Händen abfangen; die linke landete auf dem schlammigen Asphalt, die andere in der aufgeweichten Grasnabe. So lief ich mit einer leicht brennenden, schmutzigen und einer schlammig-braunen Hand zum Fuß der neuen Ruhrbrücke, quälte mich die Rampe vom Radweg hinauf, überquerte die Ruhr und gab unter heftigen Muskelschmerzen auf dem letzten Kilometer noch ein letztes Mal „Gas“ (erreichte also in der Außensicht zum ersten Mal wieder eine Geschwindigkeit, mit der ich eine Gruppe Rollatorschiebender Rentner tatsächlich langsam, aber sich er hätte überholen können). Am Fuß des Harkortberges beendete ich den Laufanteil und quälte mich noch die etwa 80 Höhenmeter und 1000 Meter Strecke hoch bis vor meine Haustür. Unglaublich erschöpft, mit völlig ausgelaugten Beinen, aber auch stolz und glücklich (vor allem darüber, jetzt nicht mehr laufen zu müssen) gönnte ich mir eine heiße und sehr lange Dusche, eine Menge Essen und den Beinen die Horizontale.

RZR Hattingen - Sprockhövel - Wetter...

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War das hart! – und super!
Mein erstes Back-to-Back-Wochenende sehe ich als überaus erfolgreich an:Ich habe den größten Teil der RZR-Strecke erkundet, wenn auch noch vier Kilometer übrig bleiben, die ich gesondert erlaufen werde. Außerdem habe ich eine schöne, neue Trail-Strecke erschlossen, die ich auch noch erweitern kann.Das Wetter war wunderbar, an sich wäre es Verschwendung gewesen, auch nur an einem der beiden Tage nicht zu laufen. Ich habe meinen Körper mit 47km am Samstag und 31 am Sonntag vor eine harte Probe gestellt, die er gut gemeistert hat. Zu guter Letzt, aber bei Weitem nicht zuletzt, habe ich auch eine Idee der mentalen Probe bekommen, vor die Ultradistanzen den Läufer stellen. Dennoch ist noch viel Arbeit zu tun, denn einen ähnlich langen Traillauf hätte ich wohl nicht so gemeistert.

Neben einem guten körperlichen Training und auch einem guten Körpergefühl (denn es ist immanent wichtig, die eigenen Grenzen zu erkennen) braucht es psychische Stärke, wenn man die 50, 100km, 100 Meilen oder noch weiter laufen will. Eine große, respekteinflößende, aber auch höchst aufregende Herausforderung, die bei weitem nicht nur Leiden, sondern auch Freude und eine Grenz- und Selbsterfahrung verheißt. Mit den Worten der Lauflegende Erol „The Rocket“ Jones:

„If you gonna be an Ultrarunner, you gonna have to be able to embrace suffering, ‚cause Suffering comes with this sport. There’s a saying about pleasure being the child of pain – so that’s what you get – when you come out here you get kicked in the teeth; the pleasure comes in having overcome that. With all the pain that you suffered to, the pleasure, the real joy comes; even if you’re the last person: you’ve crossed the line; you’ve met your demons out there on the trail and you’ve overcome them!“

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2 Kommentare zu “Zwei Tage, 78 Kilometer

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