Schiffbruch mit Tiger – die Kölsche Naachschicht 2017

Nach Köln fährt man bekanntlich nicht zum Biertrinken, weil man sich selbiges mitbringen müsste. Wenn aber ein höchstsympathisches Sportevent lockt, kann man den Weg schon mal auf sich nehmen. Auch die geographische Nähe zu meinem Wohnort ist durchaus ein zusätzliches Argument. Ursprünglich hatte ich mit den 110 Kilometern die mittlere der buchbaren Distanzen gewählt, aber ein Dienst am Freitag und die Sehnenprobleme, die ich als Souvenir vom WHEW100 mitgebracht hatte, haben meine Marathon-Grundagenausdauer auf weit unter 1000% sinken lassen. So war an „tripple-digits“ nicht zu denken. Ich hatte aber schon im Vorhinein zur Kenntnis genommen, dass mein letztjähriger Hermann-Mitstreiter Schluppenchris (dessen Perspektive auf diesen Lauf ebenfalls lesenswert ist) für den 75km-Nachtlauf „Kölsche Naachschicht“ gemeldet hatte. Da sich Probleme sowohl im Freizeit- als auch im Gesundheitsbereich bereits im Mai ankündigten, sich zweitere im Verlauf des Frühsommers allerdings relativierten, mutierte ein Downgrade auf die Nachtschicht bald zu einem reizvollen Gedanken. Nach kurzem Revierverhalten („Ssshh, Ssshh, weg, das ist mein Lauf!“) war der potentielle Laufkumpane schnell für diese Idee entflammt; und so auch ich. Ein letzter 50km-Langstreckentest in der Vorwoche zeigte zwar Formeinbußen gegenüber dem WHEW-Trainingsstand auf, ließ das Knie jedoch schweigen. Braves Knie.

So durfte der Tiger also mit nach Köln, nachdem auch der Veranstalter kurzfristig und unbürokratisch einem „Schichtwechsel“ zugestimmt hatte – vielen Dank dafür, man merkt Euch einfach Euer Herzblut an, mit der Ihr die Veranstaltung über die Bühne bringt!

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Schnell war aus der Lauf- auch eine Fahrgemeinschaft geworden und nach einer ruhigen, aber schlecht durchschlafenen Dienst-Nacht und einem kleinen Bisschen Heiha am Nachmittag war ich gerade wach genug, alles zusammenzuraffen und den Rendezvous-Punkt anzufahren, wo mein beschluppter Kollege nun für die nächsten sehr vielen Stunden das zweifelhafte Vergnügen meiner ständigen Anwesenheit sein exklusives Anrecht nennen dürfen musste (oder so). Nun, er ist Kummer gewohnt und schien nicht allzuviel zu leiden und so fuhren wir fröhlich schnatternd in die Stadt mit der großen Kirche in der Mitte. Dass ich nicht mehr zu Mittag gegessen hatte, erschien mir angesichts einer mindestens achstündigen Laufaktivität plötzlich als irgendwie unpassend. Ich nahm mir vor, einer der besten Kunden der Verpflegungspunkte zu sein und hoffte, dass ich am VP7, der unser Startpunkt war, gleich damit beginnen können würde.

Dieses hoffend, nahmen wir unseren Starterumschlag entgegen, bereits den an jedem VP wiederholten Grußkalauer „Hallo, ich bin Christian und er auch.“, später nur variiert durch „Hallo, ich bin Christian und das ist mein Reservechristian.“ intonierend und begaben uns zunächst zurück zum Auto, um uns in Ruhe auszurüsten. Wir stopften allerhand Zeugs ins Laufbehältnis, verglichen schließlich, wer den größeren Sack hatte und begaben uns in den Wartebereich, wo wir den strömenden Regen bewunderten und reichlich kommentierten.

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Irgendwann kam dann doch der Bus und wir setzten uns in die letzte Reihe, schon seit der Grundschule der Platz für die Bad Boys. Nachdem wir unsere Strategie noch einmal durchgesprochen hatten („Okay, wir laufen einfach, bis wir ankommen!“), schmachtete ich aus dem Busfenster den vorbeiziehenden Burger King an – ob die wohl auch lieferten (Überhaupt ist es ein Ultra-Laufbuch wert, die logistischen Probleme und Möglichkeiten einer direkten Pizzalieferung an die Ultrastrecke zu erörtern und entsprechende Tipps zusammenzufassen.)? Schnell kam eine fröhlich-angespannte Stimmung in der Reisegesellschaft auf, die wir aus naheliegenden Gründen „Hirschtalg-Tours“ genannt hatten. Wenig später spuckte uns der Bus nur noch einen kurzen Fußmarsch vom Rhein entfernt aus. Hier wartete der VP7 auf uns, wo wir zunächst befangen rumstanden. Nachdem die ersten sich am Kaffee vergriffen hatten, stürmte ich das dankenswerterweise gleich doppelt vorhandene Suppen-Buffet und füllte meinen Teller nacheinander mit Gemüse- wie Kartoffelsuppe. Als Magenschließer schob ich Obst, Müsliriegel und ein wenig Weingummi hinterher. Sehr guter Auftakt! Hervorheben muss man auch, dass die Veranstalter dieses Jahr Geschirr und Besteck benutzt haben, die genau wie die Läufer biologisch abbaubar sind; ein Vorteil, falls eins von beidem doch mal unbemerkt auf der Strecke liegenbleibt.

Insgesamt blieben uns ab der Ankunft im VP noch etwa 50 Minuten Wartezeit – ein bisschen viel, aber angesichts der Premiere des Nachtlaufs okay, da muss einfach noch ein wenig nachgesteuert werden.

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Irgendwann war dann Tom Eller da und gab uns noch eine kurze Einweisung. Wer bis jetzt noch nicht voll druff war, der ließ sich von Toms Begeisterung anstecken. Die letzten zehn Sekunden zählten wir zusammen und dann, ganz plötzlich, liefen wir also. Ich muss an ein Zitat von Rudolf Borchardt denken, das ich frei auf die Situation anwende: Da ich mich meiner insistierenden Umwelt gegenüber nicht länger darauf hinausreden kann, dass ich gelaufen bin, laufen würde, zu laufen anfinge, vorhätte, verschoben, aufgegeben, wieder in Betracht gezogen hätte, und ich also laufen muss, und hiermit laufe, so laufe ich hiermit. Wurde auch Zeit! Auf den ersten Kilometern ließen wir etwas Dampf ab und die Pace langsam auf Langsreckenniveau heruntergleiten. So liefen wir also, alles möglichst niveaufrei kommentierend, was uns in den Blick kam. Schnell bildeten sich kleine Reisegruppen, die locker zusammenhielten, es gab die üblichen Gespräche über Ultras und die eigene Jahresplanung, vergangene Läufe, verlaufene Gänge und das übliche „was ich noch unbedingt machen muss, will oder sollte!“.

Sehr bald bog der Fluss ab und entzog sich unseren Blicken, um erst einige tausend Schritte später wieder neben uns aufzutauchen, durch den mittlerweile dominierenden Langeler Auwald halb verdeckt. Wir folgten der Rheinschleife und nahmen den Schwung aus der Biegung Richtung Porz, wo wir schließlich über freies Feld liefen, belohnt von einem wunderbaren Sonnenuntergang. Nach der Durchquerung der nächsten Ortschaft ging es weiter und einen unendlichen, schnurgeraden letzten Kilometer bis zum ersten VP in der Nähe des Eltzhofes. Hier lümmelten wir eine Weile herum, futterten, was das Buffet hergab und meine inzwischen leere erste Flasche füllte sich ganz automatisch mit Cola. Jetzt ging es ganz nah am Flughafen vorbei in die Dunkelheit. Wir hatten auf Nachtbeleuchtung umgestellt und freuten uns darauf, jetzt endlich in die richtige Nacht laufen zu dürfen. Uns war noch nicht bewusst, dass wir für einige Stunden nicht mehr wirklich aus dem Wald herauskommen würden. Vor uns lag nun ein kilometerlanger, stetiger, aber nicht sonderlich steiler Aufstieg bis auf den Monte Troodelöh. Die eigentliche, kräftezehrende Steigung war diejenige, die sich im Kopf angesichts der Wegführung  auftürmte und dem Läufer eine Menge Konzentration beim Navigieren abverlangte – wie schnell konnte man sich verlaufen und musste ein paar hundert Meter zurück! Das kostete körperliche, aber vor allem mentale Kraft! Wir bemühten uns so gut es ging, uns gegenseitig bei Laune zu halten. Schluppe, das merkte ich ab etwa Kilometer 30, ließ langsam ein wenig nach, wurde immer schweigsamer und haderte. Man konnte es förmlich von innen gegen seinen Schädel trommeln hören. Dann knickte er um und verstummte, bis auf einige Richtungshinweise, vollständig. Wir überholten einen 10×11 Läufer und ich versuchte auszurechnen, wie lang er, der 13 Stunden für etwa 65 Kilometer benötigt hatte, noch bis ins Ziel brauchen würde. Ich konnte das Ergebnis „noch sehr lange!“ nicht mehr näher eingrenzen; auch der gewünschte Effekt, das Erstarken meiner Zuversicht, doch vergleichsweise gut dazustehen, schien sich nicht auf meinen Begleiter zu übertragen: Schluppe schwieg still. Ich hielt mich noch eine Weile an die eiserne Regel, den ermüdenden Läufer nicht zu fragen, wie es ihm geht, doch schließlich fiel mein Blick auf die Kopfhörer, die er nun schon seit Stunden unbenutzt um den Hals trug. Nun fragte ich doch nach und bekam zur Antwort, der Kopf komme ihm nicht mehr aus dem Grübeln heraus. Ich erinnerte ihn an seine Kopfhörer und empfahl etwas Musik. So liefen wir schließlich beide, getrennt durch unsere jeweilige Musik, aber doch im Nebeneinanderlaufen untrennbar verbunden. Das tat auch mir gut und fühlte sich fast wie ein Musikvideo an (ich habe noch nie derartig bei einem Musikvideo geschwitzt!). Nach einer Weile kehrten wir in die akustische Realität zurück und auch Chris war wieder besser drauf. Der dritte Mann, der schon eine ganze Weile mit uns gelaufen war, hatte sich abgesetzt, so dass wir endgültig allein liefen, bis wir den Königsforst hinter uns gelassen hatten und nach Bensberg kamen. Die Pause war bitter nötig! Hier ließen wir uns eine ganze Weile länger nieder, marodierten durch das Buffet, füllten Getränke auf und ich schnürte meine Schuhe etwas weniger fest, da meine Füße ziemlich weh taten.

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Irgendwann ging es dann aber weiter. Wir liefen durch die Gassen, bewunderten das Schlosshotel mit den vielen Edelfahrzeugen vor der Tür und schafften es, uns nicht zu verirren. Dann, oh Wunder, war da wieder so ein Wald. Wir überholten zwei 171er-Läufer, die sich ziemlich angeschlagen dahinschleppten und feuerten sie im Vorbeilaufen an. Unglaublich, was es heißen muss, sich so viele Stunden auf den Füßen zu halten!

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Im Schmalzgruber Busch merkten wir erst nach einer ganzen Weile, dass wir auf dem falschen Weg waren und liefen schließlich maulend die Steigung herauf aus der Senke heraus, die uns verlockend nah an das andere Ende der noch vor uns liegenden vier Kilometer langen Schleife brachte. Aber wer ist schon so niederträchtig und bescheißt sich selbst und alle Anderen? Nachdem wir uns einen Kilometer später erneut verlaufen hatten, lief eine Staffelläuferin nebst Radbegleitung auf uns auf. Während wir die steile Steigung, die sich als der leider richtige Weg entpuppte, entspannt gingen, rannte sie die teilweise 15 Grad geneigte Rampe einfach hoch. Der Radbegleiter mühte sich, schob ein Stück, überholte uns dann radelnd und kam aber bald wieder in unseren Blick, weil er schwer atmend und mit Asthmaspray in der Hand stehen geblieben war. Schluppe schnappte sich schweigend sein Rad und ging voran, während ich den Radfahrer begleitete, der langsam wieder zu Atem kam. Wir scherzten ein bisschen, dass Schluppe lediglich das Fahrrad klauen wolle und kamen schließlich auf dem höchsten Punkt an, wo wir das Rad und seinen dankbaren Fahrer wieder miteinander vereinten. Wieder eine gute Tat getan.

Nachdem wir eine ganze Weile mit den beiden Staffelleuten zusammen gelaufen waren, stoppte uns Schluppes Kakaodurst bei einem Hofladen mit Automatenverkauf. Zum Glück hatte ich Münzgeld mit, denn Schluppes 10€-Schein war derartig feucht geworden, dass er dem Automaten offensichtlich nicht schmeckte – also der Schein, nicht sein Besitzer. Nachdem er die komplizierte Prozedur abgeschlossen und für mein Gefühl nicht eine Flasche braunen Kuhsafts käuflich erworben, sondern eher vom Hohepriester der Bauernschaft Nordrhein in das große Geheimnis des Kakaotrinkens eingeführt worden war, stand mein Gefährte geflasht im Lichtschein der Verkaufshütte und freute sich einen Bagger über seine Neuerwerbung. Ich dachte mir, dass ihm ein wenig mehr gute Laune auf Vorrat sicher gut tun würde. Vor allem aber wollte ich endlich weiter. Es waren nur ein paar weitere Kilometer bis zum nächsten VP, den die Laufbrigade Oberberg betreute. Wir feixten ein wenig herum, fassten die Gurken der VP-Truppe an und steckten uns Essen ins Gesicht (bei unserer deutlich fortschreitenden Läufer-Demenz übrigens eine vollkommen zutreffende Bezeichnung). Schluppe zog sich ein paar Meter in die Dunkelheit zurück, um kniend die von ihm liebevoll erstellte Papierkarte der Strecke zu konsultieren. Vielleicht hat er sie auch angebetet und Abkürzungen erbeten.

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Als Zweck seiner Bemühungen gab er an, die noch ausstehende Distanz bis ins Ziel errechnet zu haben, die zuletzt aus schwerwiegenden Gründen Hauptthema unserer Gespräche geworden war (überhaupt ist die noch verbleibende Distanz zum Ziel neben der zum nächsten VP ab etwa Kilometer fünf jedes Ultralaufs immer das fett und kursiv gesetzte Hauptthema; im Verlauf wird lediglich die Schriftgröße immer mehr erhöht und schließlich auch Capslock, Signalfarben und Unterstreichungen verwendet). Nachdem ich vor dem VP die Rest-Distanz mit über 21 Kilometern in düsteren, katastrophal-bedrohlichen Farben ausgemalt hatte, eröffnete Schluppe mir mit leicht wahnsinnigem Lächeln, dass es kaum noch 18 Kilometer sein konnten. Die Tatsache, dass wir nichtmal den bereits zurückgelegten Weg korrekt Angeben, geschweige denn aussprechen konnten, ließ uns beide innerlich zweifeln, doch wir genossen die bereits schal werdende Euphorie, solange sie noch prickelte.

Frisch schnatternd gingen wir also wieder ans Werk, ich nun mittlerweile mit zwei Flaschen Cola, da der letzte VP etwa 11km vor dem Ziel nur eine unbemannte Wasserstelle sein würde. Die weiteren Kilometer bis zum Wasser-VP sind in meinem Kopf nurmehr ein Brei aus überraschend intensivem Laufen, recht wenigen Gehpausen, einer recht anständigen Zahl an Nachtläufern, die wir hinter uns lassen konnten, und unseren kläglichen Navigationsversuchen. Eine ganze Weile hielten wir uns mit Musik über Wasser, bis wir kurz vor dem unbemannten VP auf eine recht große Gruppe Läufer aufliefen. Mich trieb es, aufzuholen, doch nach einigen Minuten signalisierte mein Begleiter, dass es an der Zeit für eine Gehpause war. Wir hatten in den letzten 90 Minuten eine Menge rausgehauen und waren ziemlich fertig. Ich war dennoch einen Moment verärgert, die Anderen vor uns ziehen lassen zu müssen, doch war es vernünftig, die Kräfte ein wenig zu schonen. Die Uhr verhieß den VP für die nächsten Minuten und obwohl ich noch genug Flüssigkeit dabeihatte, spürte ich, dass auch mir eine Pause sehr gelegen kommen würde. Wir passierten den GPS-Wegpunkt und sahen nichts. Wir überquerten die Straße und sahen auch hier nichts. Kein VP. Hatten wir ihn übersehen? Wir liefen ein Stück zurück und sahen uns um. Nichts. Murrend trotteten wir weiter. Besonders Schluppe hatte sich innerlich sehr an diesem VP festgeklammert und sein Ausbleiben traf ihn. Aber er kämpfte weiter.

Wieder versinken die nächsten Kilometer in Gemenge aus Schritten und Atemzügen. Immer öfter kam auch Quengeln dazu. Endlich erreichten wir den Bereich von Dünnwald. Im Kopf schien uns der Weg jetzt nicht mehr weit zu sein, nur noch sieben, acht Kilometer. Der Blick auf die Karte offenbarte jedoch die grausige Schleife, die noch vor uns lag, denn in Luftlinie war das Ziel gerade einmal 1500 Meter entfernt. Wir überholten noch eine Kleingruppe wandernder Nachtläufer. Schluppe gab sich Mühe zu laufen, doch so sehr ich mich anstrengte, ich konnte seinem Tempo nicht mehr folgen, ich musste ihn jammernd einbremsen. Ich ertastete in einer meiner Hosentaschen die Gummibärchentüte und stopfte mir den restlichen Inhalt in den Mund. Vielleicht würde etwas Zucker helfen. Hat er auch, aber am liebsten hätte ich ein Ziel dabei gehabt. Als wir das Waldstück am Von-Diergardt-See durchquerten, sagte Schluppe, er habe Wälder für heute satt. Bäume seien doof. Und überhaupt, pflichtete ich bei, wie lange dauere das hier denn noch? Das sei doch alles aberwitzig! Als wir einige Minuten später den Mutzbach überquerten, verfransten wir uns zum vierhundertsten Mal und holten uns auf dem Rückweg auf dem sumpfigen Pfad auch noch nasse Füße. Nach kurzem Suchen fanden wir den richtigen Weg doch noch, der uns parallel zur Bahnlinie führen sollte. Er war fast ganz zugewachsen und nervte gewaltig. Der sonst so stoische Schluppentyp hinter mir explodierte: „Was ist das für eine Wald-Scheiße hier! Ich hab keinen Bock mehr! Bäume sind doof“* Ich fiel fast um vor Lachen und lachte noch ein ganzes Stück des elenden Kilometers, den wir neben den Bahngleisen ganz genau geradeaus liefen. Wir begannen, alles zu beschimpfen und besonders Bäume total doof zu finden. Genau rechtzeitig kamen Häuser in Sicht und ich schwor, dass ich mit der ersten verfügbaren Hausecke kuscheln würde, weil Bäume nun mal doof seien, ich aber Häuser ganz doll lieb hätte. Gesagt getan.

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Wir sahen davon ab, auch noch den Asphalt zu küssen, begaben uns aber in die Mitte der Straße und liefen. Fluchend, voller Schmerz, und sehr langsam, aber wir liefen. Auch hier überholten wir noch Leute, die ebenso litten, wie wir. Wir bogen um die nächste Ecke und liefen wieder in einen Wald. Wir drohten den Bäumen Schlimmes an, wenn sie nicht verschwinden würden, beschimpften die Veranstalter und nach jeder Biegung sagte ich, das hier sei gleich ganz klar der Thuleweg, wir müssten eigentlich jeden Moment ins Ziel kommen. Wenn man das nur lang genug sagt, stimmt es dann ja auch irgendwann. Wenigstens darauf konnte man sich verlassen, denn der Wald spie uns geradezu auf dem Flachsacker aus, als hätte er uns zuvor durchgekaut (und das hat er ja auch) und für ungenießbar befunden (und auch das waren wir mittlerweile). Als unser Blick auf das Schild an der Rampe zum Ziel fiel, stöhnten wir erleichtert auf, liefen in einer Art Laufschritt bis zur Ecke und hahnerten gemeinsam über die Ziellinie. Aus, aus, das Spiel ist aus! Geschafft und erledigt! Es war 5:32 Uhr, also hatten wir neun Stunden und 32 Minuten gebraucht, nur zwei Stunden weniger, als mir der fast 27km längere WHEW abverlangt hatte. Wir ließen uns ein paar Minuten auf die Bank neben dem Ziel fallen, erhielten unsere Finisher-Medaillen und fühlten jenes erhabene Gefühl, das jeden Ultraläufer übermannt, wenn er mit Laufen aufgehört hat: Dusche und Essen her, aber schnell! In der Dusche stiegen wir über einen schlafenden Läufer, ignorierten die Tatsache, dass es nach tausend ungewaschenen Männern roch und watschelten mit den kleinen Schritten der muskelmäßig ausgelaugten unter die Brause. Im Duschraum herrschte, bis auf das Rauschen des Wassers und ein gelegentliches Aufstöhnen (diese Kombination aus Schmerz und Erlösung) Stille.

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Müde, aber sauber fanden wir uns schließlich im fahrenden Auto wieder, phantasierten, was wir dem Wald hätten antun sollen und beschrieben uns gegenseitig Pizzen von der Größe Schleswig-Holsteins, die wir uns im Verlauf des Sonntags bestellen würden.

Was bleibt? Wie es so schön heißt nur der Stolz, denn der Schmerz weicht und will alsbald erneuert werden, auf das sich das Stolz-Konto weiter fülle – und wer bin ich denn, hier nicht an der Gewinnmaximierung beteiligt sein zu wollen?
Der Kölnpfad hat sich als ein wirklich wundervoll harter und liebevoll organisierter Ultralauf mit einigem Trailanteil entpuppt, der mich sicher in den nächsten Jahren noch beschäftigen wird. Die Tatsache, dass hier so Mancher zu kämpfen hatte, deutet darauf hin, dass dieser Eindruck mehr als nur mein persönlicher sein dürfte. Die Anmeldung für 2018 ist bereits erfolgt, dann soll es mit der 110km-Strecke die nächste Eskalations-Stufe werden. Das wird sicher genauso wundervoll scheiße!
Dass es so eine wundervolle Qual geworden ist, habe ich nicht zuletzt meinem Nachtbegleiter Chris zu verdanken, der so manchen Unfug mitmachte und wohlwollend viele blöde Kalauer beschwieg. Wir haben zusammen gelacht, gequengelt, geflucht und gelitten. Chris ist in dieser Nacht zum wiederholten Male seinen Dämonen entgegengetreten und hat sich sportlich wie mental von Stärke bewiesen. Es war mir geradezu ein inneres Fußbad und eine große Ehre, ihn wieder an meiner und mich wieder an seiner Seite zu wissen. Ich bin sicher: man könnte uns in einer beliebigen Nacht wecken und wir würden wie selbstverständlich da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Und weitermachen werden wir…

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*Dieses Zitat ist nicht wortgetreu, entspricht dem, was Schluppe gesagt hat jedoch sehr genau…

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