Entspannt zur Bestzeit: der Bottroper Herbstwaldlauf

„Eigentlich…“ – das ist ein Wort, das in Bezug auf meine Renn- und Trainingsstrategie geradezu als programmatisch bezeichnet werden könnte. „Eigentlich“ hatte ich letzte Woche Regenerationswoche, wozu dieser Trailultra nicht direkt gepasst hat, zudem ich zweiter geworden bin. „Eigentlich“ wäre es auch nicht so richtig sinnvoll gewesen, in der ausgegangenen Folgewoche zwei harte Läufe zu laufen. Den 10er in neuer Bestzeit am Donnerstag hatte ich mir nur erlaubt, weil ich das ursprüngliche Ziel, bereits beim Bottroper Herbstwaldlauf meine neue 50km-Tempo-Agenda auf die Probe zu stellen, ohnehin als noch nicht haltbar einstufte. So oft nehme ich mir „eigentlich“ vor, nicht zu übertreiben und locker zu laufen. – „Nicht übertreiben“ – das klingt so vernünftig…

Bottrop, Zeche Prosper-Haniel, Fünfter November, kurz nach acht Uhr

Nach den Erfahrungen mit dem Teutolauf, dem Kreuzberg50 und zahlreichen Tempoläufen, die ich als lockere Abendläufe geplant und als solche meist nicht mal einen Kilometer durchgezogen hatte, ließ ich mir dann auch ein Hintertürchen offen, als ich am Rennsonntag mit Kati und Konsorten im Anmeldungsbereich in der Zeche Prosper-Haniel stand und nach meinem Ziel für den 50-Kilometer-Lauf gefragt wurde: Ich hatte in den letzten Wochen recht viel Strecke gemacht und wolle es wenigstens in der ersten Runde gemütlich angehen, die zweite Runde ergäbe sich dann schon, mal sehen, was tagesformmäßig drin sei. Dabei fummelte ich mir mit dem atemberaubendem Ungeschick, das ich in dieser Angelegenheit an den Tag lege, die Startnummer ans Hosenbein. Die Gruppe kam ins Gespräch über unsere Pläne und wir schnatterten fröhlich die halbe Stunde weg, die uns noch blieb. Ein ungewohntes Gefühl für mich, denn sonst war es immer irgendwie knapp geworden. So genoss ich den Leerlauf, grüßte ein paar bekannte Gesichter in der Menge und war froh, diesen Lauf dank meiner kalkulierten Ziellosigkeit einigermaßen aufregungsfrei anzugehen. Andernfalls nämlich kann eine halbe Stunde Wartezeit schon mal mörderisch sein.

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Kurz vor neun, der ersten Startzeit des Tages, die den Ultras vorbehalten war (super, dadurch haben wir die besten Parkplätze bekommen!), bewegten wir uns aus dem warmen Gebäude nach draußen in die Startbox. Zischend drang der Sauerstoff in unsere Körper, denn die Luftqualität im Inneren hatte sich im Laufe der Zeit durch die Anzahl der anwesenden Menschen geteilt, da die zahlreich erschienenen Läufer inzwischen die gute Luft einfach weggeatmet und im Austausch einen ganzen Haufen heißes, feuchtes CO2 da gelassen hatten. Ich könnte wetten, dass die neuerliche Vollversorgung zahlreicher Gehirne sie so kurz vorm Start plötzlich das Ausmaß der Aktion, vor das sie sich gestellt hatten, realisieren und panisch zahlreiche Botenstoffe mit der Frage: „warum bin ich so bekloppt und mache das hier?“ zur Notrecherche in die Archive schickte. Im Startblock rissen wir die letzten Sprüche, schossen noch ein Förderturm-Selfie und lauschten der Kakophonie aus Blechblas- und Lautsprechermusik, die sich unter die Äußerungen des nicht untalentieren Kommentators mischten.

10, 9, 8…

Kurz vor dem Zehn-Sekunden-Countdown war Katie plötzlich verschwunden und ich stand neben Saskia und Sven, die sich die Entscheidung über eine zweite 25km-Runde bis zum Ende der ersten vorbehielten. Wie so oft kamen wir schnell ins Gespräch. Nach einiger Zeit stellte uns der Countdown vor eine letzte Rechenaufgabe und bewies, dass nahezu alle korrekt von zehn abwärts zählen konnten, bei „Null“ löste sich ein Schuss und die Menge fasste das ganz richtig als ihr Startsignal auf. Mit befreiten Gesichtern und Seelen rannten wir, einer endlich in die Schulferien entlassenen Horde Schüler gleich, die paar hundert Asphaltmeter in Richtung Wald.

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Es war eine heterogene Gruppe von Läufern aller möglichen Größen, Formen, Farben, Herkünfte und Selbstverständnisse. Sehr bald schon wich der Asphalt jenem undefinierbaren Untergrund, der an ein Gemenge aus kaputten Asphalt, Rasen und undefinierbarem Abraum erinnert, gewürzt mit ein wenig Waldautobahn. Der Pulk wälzte sich die ersten Kilometer durch den Wald, zog und stauchte sich, bis wir schließlich nach der großen Straßenüberquerung endgültig geschwindigkeitsbedingt mehr und mehr auseinanderdrifteten. Am Straßenübergang, an dem Ordner und Polizei die Straße für uns sperrten, stand während des gesamten Rennens ein Ordner, der im Sekundentakt klatschte und bei jedem Klatschen „Hey!“ rief. Das ist auch eine Ausdauerleistung!
In unserer Dreier-Kleingruppe kreiste das Thema angeregt um die anstehenden Prioritäts-Wettkämpfe und fühlte sich ganz wohl dabei, bis es mehr Gefallen an den Plänen für das aktuelle Rennen fand und interessiert beobachtete, wie wir uns unsere Grundsatzentscheidungen schön- oder legitimredeten. Bei Kilometer vier kam dann endlich das Thema, das in einer Läuferunterhaltung immer kommen muss, wenn man nur lang genug wartet: Kacka. Jeder, auch die um uns herum laufenden Mitstreiter, hatte etwas beizutragen. Ich erwähnte ein Gebüsch in Dahlhausen, das jetzt ganz mir gehöre und machte innerlich Notizen zu Orten, an denen ich mich zukünftig nicht mehr abseits des Weges bewegen wollte.

So quatschten wir denn so vor uns hin, flogen an vielen der netten Verpflegungspunkte vorbei, bis das Isozeug in meiner Flasche aufgebraucht war. Ich hielt der netten Dame meine Softflask hin, die sie zögerlich, nach endloser Zeit und nur unter meinen Anfeuerungen bis zum Rand mit Cola gefüllt hatte, dankte freundlich und zog mit meiner Mini-Posse weiter. Die erste Hälfte der ersten Runde lief für meinen Geschmack viel zu schnell, denn seit dem 40er mit 5:20er Pace vor ein paar Wochen erschien es mir ratsam, etwas langsamer zu laufen. Nachdem Saskia und Sven feststellten, die zweite Runde nicht angehen zu wollen, war ich kurz in Panik, ob ich dieses Tempo nicht noch bereuen würde. So kam es mir gut zu pass, dass Sven wegen seiner nicht ganz auskurierten Erkältung das Tempo ein wenig reduzierte. Als wir den alten Postweg wieder überschritten – „Hey! – Hey! – Hey!“ -, hatten Saskia und ich Sven endgütlig aus den Augen verloren. Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass wir seit dem Heidesee wieder ein wenig angezogen waren. Nun, auf den letzten zweieinhalb Kilometern, liefen wir auf Jörg auf, der keinen guten Tag hatte und ebenfalls nach Runde eins Schluss machen wollte.

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Wir liefen den kleinen Berg an der Haldentrasse hinauf, überquerten die Brücke und wenig später schnatternd die Asphaltgrenze. Auf der Zielgeraden verabschiedeten Saskia und ich uns, gaben uns ein High Five und ich nahm die Halse durch den Zielbereich, um die zweite Runde einzuläuten. Unter dem Applaus der Zuschauer lief ich allein und ein wenig zu schnell weiter. Als ich um die Kurve war, fummelte ich mein Headset aus der Tasche, wählte einen Ausgangspunkt auf der Playlist und ließ mich von der Musik den leichten Abhang heruntertreiben.  Nachdem mir zuvor schon Jens, Lena und Dieter entgegengekommen waren, begegnete ich am alten Postweg Kati, die fröhlich einschlug und sehr frisch wirkte. Schön, sie hielt sich auch zeitlich gut! Ich schaute auf die Uhr: aktuale Pace 4:40. Ja klar. Das musst Du gleich in den Griff bekommen.

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Zweite Runde, schnelle Runde

„Hey! – Hey! – Hey!“ ich ließ mir den Puls anzeigen. 153 war ein bisschen viel. Jetzt, in der zweiten Runde sammelte ich eine Menge Läufer ein. Am ersten VP, der als Ausgangspunkt aus der Waldrunde eine T-Kreuzung bildete, war ich so reizüberflutet, dass ich beinahe in die falsche Richtung abgebogen wäre. Die freundlichen Helfer gestikulierten mich in die richtige Richtung und ich lief, den Kopf über mich selbst schüttelnd, weiter. Ich hielt mich jetzt an die Pulsanzeige, schaffte es aber eher selten unter 150. Es machte aber auch so einen Spaß, knapp über 5:00/km zu laufen! Das Tempo fühlte sich richtig gut an und ich achtete darauf, wenigstens nicht noch schneller zu werden. Es war jetzt oft einsam um mich. Ich hangelte mich von Zweiergruppe zu Zweiergruppe, die oft weit vor mir auftauchten, immer näher kamen, neben mir passierten und nach hinten verschwanden. Das fühlte sich für mich so selbstverständlich an, dass es mich zusätzlich motivierte. Ein dünnes Stimmchen in meinem Hinterkopf warnte mich , es nicht zu übertreiben, doch das Tempo fühlte sich gut beherrschbar an. Spätestens ab Kilometer 36 war ich sicher, nicht mehr viel befürchten zu müssen. Drei Kilometer zuvor hatte ich mir die Flasche wieder mit dem schwarzen Wundersaft füllen lassen und einige Gummibärchen gegessen. Die Strecke dazwischen war oft schnurgerade gewesen und erst hier am Heidhofsee wieder etwas kurviger geworden. Ich lief weiter konstantes Tempo, hatte mich mit einem Puls von etwa 150 arrangiert und sammelte Läufer um Läufer ein. Am VP Heidesee tankte ich Cola nach und lief weiter. Unter mir zog die auf den Schotter gesprühte 43-Kilometer-Marke vorbei und ich dachte mir, jetzt sei es langsam auch egal, wie hoch der Puls sei. Ich nahm die Rechnung wieder auf, die ich am Heidhofsee begonnen hatte: die kalkulierte 4:35 war nicht mehr nur möglich, sondern ziemlich sicher gerissen. 4:29 kam in Sichtweite. Also eile, eile, ohne Weile! Ich ließ mir freien Lauf und beschleunigte auf Paces unter 5:10. Das schien vertretbar. Den letzen VP am Kreuzungspunkt durchlief ich. Langsam wurde es ein wenig anstrengend und ich feierte jeden Kilometer, der unter mir davonflog! Der THW-Posten im Wald vor der Straßenüberquerung beklatschte mich lautstark.Wenig später gab mir das „Hey! – Hey! – Hey!“ Auftrieb. Ich dankte allen Anwesenden im Vorbeilaufen für ihre Mühe an diesem Tag. Die Pace fiel unter fünf, lediglich die Steigungen auf den letzten 2 Kilometern machten mich wieder ein wenig langsamer. Der Blick auf die Uhr ließ den 4:29-Traum jedoch platzen.

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Egal, B-Ziel erreichen, möglichst nahe an die 4:30! Ächzend überholte ich die letzte Läuferin, die noch vor mir auf der Strecke war und machte den ersten Schritt auf Asphalt. Meine Schritte wurden größer, doch die Strecke bis zur Kurve zog sich doch nicht ganz unerheblich. Als ich in Hörweite war, empfing mich der Applaus der Zuschauer, die sich in der Kurve positioniert hatten und ankommende Läufer schon in der Ferne sehen konnten. Ich bog um die Ecke und sah, dass ich ganz allein einlief, der Applaus der Menge war ganz für mich! Ich hörte meine Startnummer, meinen Namen und dass ich diese Nummer mit Stolz tragen könne, denn ich sei schließlich siebter meiner Altersklasse geworden! Letzte Schritte, ein Stapel aus Laktaten, der über mir zusammenbrach, Freude und eine klatschende Saskia im Zielbereich! Ich schnaufte einen Moment, ließ mich mit einem Metall-Mini-Förderturm am Bande dekorieren und nahm mir ein Viertelstündchen, um Saskia den Verlauf der zweiten Runde zu erzählen. Schließlich verabschiedeten wir uns und ich watschelte die paar hundert Meter zum Auto. Ich überlegte: in der Waschkaue duschen? Zu Hause gibt es Kuchen! Auf dem Weg begegnete ich noch Henning, der die gleiche Distanz schlappe 65 Minuten schneller gelaufen war. Wir quatschten kurz und ich ging weiter zum Auto. Ich hatte mich für den Kuchen entschieden (ich bin ja schließlich nicht bescheuert :D). Es gab immerhin Philadelphia-Torte und abends Spaghetti Carbonara, ich bin also quasi in den Läuferhimmel gefahren!

Herbstwaldlauf FTW!

Ich muss sagen, dass ich nach meinem Probelauf vor einigen Wochen damit gerechnet hatte, nicht gut mit der Strecke klarzukommen. Mir war aber bewusst, dass ich an dem Tag schlecht durchgekommen bin und angesichts einer vollkommen unbekannten Strecke eh schneller quengelich werde. Die nette Begleitung durch Saskia und Sven gestaltete die erste Runde zudem extrem kurzweilig für mich. Das Gespräch war zeitweilig so ablenkend, dass ich mich während dedr zweiten Runde an einigen Stellen vergewissern musste, noch auf der richtigen Strecke zu sein, weil ich mich an die Abschnitte von der ersten Runde nicht entsinnen konnte! Die Tatsache, dass ich Runde eins einigermaßen gesittet, fast schon ein wenig gemütlich hinter mich gebracht habe, hat die schnelle zweite Runde mit Sicherheit erst möglich gemacht. Ich denke, mit dem Plan, dieses Ziel zu erreichen und einer entsprechenden Rennstrategie hätte ich die 4:30 auch noch ganz gut knacken können. Angesichts der Belastungen der Vorwochen und einer Regerationswoche, die nicht ausgeprägt erholsam gewesen sein dürfte, bin ich hochzufrieden, in der zweiten Runde so konstant Leistung zur Verfügung gehabt und mal eben meine Bestzeit um fast 20 Minuten verbessert zu haben. Das Ziel für Rodgau muss es sein, eine schnelle Pace für die gesamte Distanz zu finden und zu steigern. Da ich noch fast drei Monate Zeit habe, bin ich recht zuversichtlich, eine Zeit zwischen 4:30 und 4:20 anpeilen zu können.

Der Herbstwaldlauf selbst ist ein wirkliches Kleinod; lediglich die Strecke ist zwischenzeitlich eine Herausforderung für den Kopf. Mit eintönigen Situationen umgehen zu können gehört allerdings zu den notwendigen Kernkompetenzen, die sich jeder Ultraläufer aneignen sollte – dementsprechend ist dieser Aspekt des HWL eine gute Trainingsmöglichkeit. Gut gefallen hat mir die unmissverständliche Markierung der Strecke. An wichtigen Abzweigungen waren zudem Helfer postiert, die zusätzlich den Weg wiesen. Alles lief freundlich und bemüht ab und auch die VP waren recht gut ausgestattet. Als Handheld-Läufer bräuchte ich nicht so viele, andererseits kann ich dadurch flexibler auf Durstattacken reagieren oder andernfalls einen oder zwei VP überspringen. Das Ambiente der Zechenanlage wird nach deren Schließung leider ab 2019 wegfallen und den Lauf mit Sicherheit nicht nur in Sachen Prestige, sondern auch wegen der wegfallenden, praktischen Infrastruktur ein wenig Federn kosten. Das ist schade, aber vielleicht findet sich bis dahin eine andere Lösung. Läufern, die einen verhältnismäßig schnellen, ganz leicht profilierten Kurs mögen und/oder evtl. ihren ersten 50er versuchen wollen, kann ich diesen Lauf nur wärmstens ans Herz legen. Die Organisation in Sachen Anmeldung, Parkplatzangebot und Startnummernausgabe ist wirklich gut und – wenigstens für die als erste anwesenden Ultras – in wenigen Minuten erledigt. Also: bis zum nächsten Jahr!

 Alle Bilder hat Wolfgang Steeg von Catfunfoto.de geschossen.

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2 Kommentare zu “Entspannt zur Bestzeit: der Bottroper Herbstwaldlauf

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