Halbrund um Ennepetal

#RUE2016

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Drei Stunden Schlaf, 32 Grad im Schatten und ein Problem mit dem Magen. Man kann ja alles mit mir machen, aber Magen, Hitze und Schlafmangel sind mein Kryptonit. Zumindest, wenn es alles gleichzeitig auf mich herniedergeht. Was blöd ist, wenn man eigentlich gerade einen Ultratrail laufen will. Wenigstens war es einer mit zahlreichen Ausstiegsoptionen. 

Am vergangenen Sonntag stieg wieder eine der Veranstaltungen, die nur langsam im persönlichen Veranstaltungskalender auf einen zukriechen, dann extrem schnell passieren und auch schon wieder in der Vergangenheit verschwinden. Veranstaltungen dieser Art sind ähnlich flüchtig, wie die Wasserflaschen am VP, die noch genug Inhalt haben, um die eigene Flasche zu füllen. Deswegen muss man sich in der Zeit dazwischen, also während es passiert, konzentrieren und das Beste daraus machen. Am besten mit Laufen.

So also fand ich mich am Vorabend des Laufs nach einer zünftigen Grillparty brav zeitig in meiner Bettstatt ein, sichtbar bereit, mich hemmungslos der Nachtruhe hinzugeben. Und dann lag ich da also. Es wurde spät, später, noch ein wenig später und war eigentlich schon wieder früh, als ich dann doch einschlief. Nach drei Stunden klingelte der Wecker gnadenlos und trieb mich in einen eiligen Zeitplan, meine bereits vorbereitete Ausrüstung, den Rucksack für danach und das Grillgut für das geplante „Nach dem Danach“ bei Sarah und Patrick einzusammeln, alle erhofften Prä-Lauf-Tätigkeiten zu erledigen und schleunigst so ziemlich in die Mitte von Ennepetal zu fahren, wo ein Bus nach der Startnummernausgabe die Horde der Läufer am Startpunkt der geplanten Stadtumrundung absetzen sollte.

Foto von Dirk Füllbeck

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Nachdem ich mich daran beteiligt hatte, das den Punkt unserer Zusammenrottung umgebende Viertel gänzlich zuzuparken und die Anwohner vermutlich in die Verzweiflung zu treiben, begab ich mich an den Sammelpunkt, begrüßte den Dealer, Patrick und noch ein paar Andere, fummelte die mir überreichte 50 an meinen Rucksack und harrte der Dinge, die da kommen mochten (also des Busses). Als es endlich soweit war, quetschten wir Läufer uns in den Bus und traten die Fahrt an den südlichen Rand der Stadt an. Bereits hier bot der Blick aus dem Fenster einen Vorgeschmack auf die Schönheit, die uns auf der Laufstrecke immer wieder entgegenschlagen würde. Vorfreude machte sich in mir breit und schob den großen Respekt vor 1600hm und 56km ein kleines bisschen beiseite.

Foto von Dirk Füllbeck

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Nach der obligatorischen Rede von Markus liefen wir dann auch schon los und bildeten eine lange, lange Reihe. Nach wenigen Minuten erreichten wir die ersten schattenfreien Streckenabschnitte; durch die recht frühe Uhrzeit – es war immerhin noch vor neun – ließ sich das Wetter mitnichten stören, denn bereits jetzt brüllte der Lorenz wie verrückt. Ich wollte gar nicht wissen, wie warm es tatsächlich war. Irgendwann ist die Nadel schließlich eh am Anschlag. Wer will schon noch zwischen „Scheißenheiß“ und dem späteren „verdammt Scheißenheiß“ differenzieren?

Foto von Dirk Füllbeck

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Immer mal wieder mit wem anders quatschend, anfangs aber oft mit Patrick, liefen wir lustig vor uns hin. Es zog sich, aber ich war guter Dinge und ging die Steigungen schööööön langsam an. Schön zu lassen, die Körnerschublade! Und ordentlich trinken. Ordentlich trinkend und gehend, wo es geboten war, erreichte ich schließlich gemeinsam mit Bohdi den VP1, wo ich meine „Kokstüte“ mit Isozeugs rausholte und schließlich mithilfe von fünf bis sechs kaum gefüllten Wasserflaschen meine Trinkflasche wieder ganz voll machte (hätte man gefilmt, wie mir immer wieder  Flaschen vor der Nase weggezogen wurden und ich dann nur noch etwa 50ml in meine Flasche kippte, es wäre eines Chaplinwürdig gewesen…). Hier stieg auch Robert ein, der – natürlich noch ganz frisch – bereits einen Kontrast zu uns bildete. Ich wühlte in meinen Taschen nach Essbarem, während ich über Schlafentzug und Hitze nörgelte, und nach einem Biss in ein hervorgewühltes Sandwich, zu dem ich mich bereits zwingen musste, ging es auch schon weiter.

Foto von Dirk Füllbeck #RUE2016

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Markus ließ verlauten, es gehe nun an die leichteste und kürzeste Etappe. „die kürzeste und auch die leichteste…“ hallte es ständig in meinem Kopf; denn während die Worte und auch der Ton, in dem Markus sie aussprach, uns beruhigen sollten, sorgten sie im Verlauf der Etappe mehr und mehr für Besorgnis, denn ich musste mich hier bereits ordentlich ins Zeug legen, um nicht den Anschluss zur Gruppe zu verlieren. Die Tatsache, dass mir leicht übel wurde, während ich weit abgeschlagen irgendwo im Feld der Schlusslichter lief, machte es nicht besser. Ich dachte ernsthaft ans Aufgeben. Am VP2 schüttete ich Getränke nach und aß auch ein wenig, in der Hoffnung, die anhaltende Magenflauheit loszuwerden, doch das wollte einfach nicht werden. Da jedoch auch Patrick sich deutlichh hatte anstrengen müssen, wie er mir am VP offenbarte, beschloss ich, wenigstens noch die Dritte Etappe anzugehen. Dennoch musste ich Bohdi, mit dem ich eigentlich weiterlaufen wollte, ziehen lassen und begann die dritte Etappe mit einer entschlossenen und hochmotivierten Gehpause. Am langen Aufstieg auf den Buchenberg, der nach einer kurzen Laufepisode bereits wieder den strammen Gehschritt verlangte, fragte mich eine ältere Wanderin, ob ich auch wanderte. Ich sei Läufer, gab ich zurück. „Aber sie laufen ja gar nicht!“ meinte sie nur… Nachdem ich mich von der Wandergruppe abgesetzt hatte, holte mich ein weiterer Läufer ein und wir kamen schnell ins Gespräch (leider habe ich mir seinen Namen nicht merken können). Die Tatsache, dass er dieses Jahr die Tortour de Ruhr gelaufen war und nun genauso litt, wie ich, beruhigte mich doch sehr. Wir sprachen über diesen Lauf am Fluss der Flüsse und liefen und gingen so zusammen eine ganze Weile, hinter uns nur eine Läuferin, vor uns zwei. Dann kam es zu einer typischen Einfach-hinterher-Kaskade: wir folgten den Läufern vor uns, die Läuferin hinter uns folgte uns, aber insgesamt folgten wir nicht mehr dem Pfad. Ein ganzes Stück zuvor hätten wir links in Richtung Mühler Kopf abbiegen müssen. Nach einer kurzen Prüfung der Karte entschlossen wir uns, der Straße zu folgen, die uns wieder auf den richtigen Weg zurückbringen würde. Allerdings kürzten wir dabei ab und verpassten ein schönes Stück durch den Wald. Wir ließen uns stattdessen auf Asphalt und vollkommen ohne Schatten ordentlich braten. Am Kopf der „Aske“ kamen wir wieder auf die Strecke und waren, nach dem ganzen Sonnengebrate, mehr als hellauf erfreut, als wir an einen inoffiziellen VP kamen, besonders, als wir die aufgestellte und laufende Gartendusche, die kalten Getränke und die Eiswürfel entdeckten. genau das hatten wir gebraucht. Wir erfuhren zudem, dass wir durch unseren kleinen Navigationsfehler mittlerweile vor dem Hauptfeld gelandet waren. Nachdem wir uns großzügig – sowohl innerlich, als auch äußerlich – Flüssigkeiten ausgesetzt hatten, zogen wir aufgemuntert und zufrieden weiter. Auf den nächsten Kilometern besserte sich mein Befinden und wir liefen als Dreiergruppe weiter in Richtung Buntebach. Mein Magen schien sich wirklich zu beruhigen und ich dachte bereits an die nächste Etappe. Kurz vor dem nächsten VP wurde mir urplötzlich klar, dass das Problem nur ein wenig weitergewandert war. Ich überlegte kurz, was zu tun war, verschob aber eine direkte Lösung im Wald.

Foto von Dirk Füllbeck

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Wenig später erreichten wir den VP und ich trank ein paar Schlücke. Direkt im Anschluss wurde mir wieder übel und ich beschloss nach kurzem Überlegen (auch angesichts der langen Steigung direkt nach dem Beginn der vierten Etappe, nicht weiterzulaufen. Das war einfach zu viel, so sehr es mich wurmte. Die Rückfahrt zum Bremenplatz bestärkte meine Entscheidung; am Fahrtziel hatte ich es dann auch sehr eilig, den Bus in Richtung Vereinsheim zu verlassen, und an dieser Stelle breiten wir den Schleier des Unaussprechlichen über die Szenerie…

Zur Erholung erwarb ich später ein alkoholfreies Weizen am Tresen des Vereinsheims und kam erneut mit Michael ins Gespräch, der gegen Ende der ersten Etappe eine ganze Weile mit mir gelaufen war und auch wegen der Hitze früher Schluss gemacht hatte. Wir saßen eine ganze Weile draußen und fachsimpelten und philosophierten übers Ultralaufen. Irgendwann jedoch schnappte ich mir meine Teilnehmerurkunde und trottete den weiten Weg zurück zu meinem Auto, welches mich zu einer erfrischenden Dusche brachte.

Auch, wenn ich an diesem Tag nicht das habe erreichen können, was ich eigentlich geplant hatte, habe ich wieder eine Menge interessante Menschen kennengelernt und einen wirklich schönen Lauf ganz in meiner Nähe. Da ich jetzt mit ihm eine Rechnung offen habe, ist meine Wiederkehr im nächsten Jahr ja schon fast eine Pflichtfrage. Außerdem habe ich auch ein paar Erkenntnisse gewonnen, über mich selbst und wie ich einen Ultralauf angehen sollte.

 

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