Am Anfang des schwarzen Regenbogens

Ich erinnere mich noch gut, wie damals 2015, als ich das erste Mal gedanklich in die Ultrawelt vorgedrungen bin, die Tortour de Ruhr in meinen Augen eine völlig andere Bewertung erfuhr. Was zuvor wie in einem Nebel der völligen Beklopptheit zu liegen und kaum zu erfassen schien, tauchte plötzlich auf und erhielt klare Konturen – nicht, dass diese Befreiung des Blicks schon bedeutet hätte, dass sie nun für mich bezwingbar sein würde, denn vor mir lag gewissermaßen ein Berg, der von seiner Wolkendecke befreit worden war; dennoch aber sah ich erstmals die Spitze und beschloss, eines Tages wenigstens weit oben in ihre Nähe zu kommen. Damals, nach der Tortour 2016, brach ich also zu einer langen, läuferischen Reise auf.

Heute, nunmehr zwei Jahre später, kommt diese Reise an ein vorläufiges Ziel. In der Zwischenzeit habe ich viele Strapazen auf mich genommen, unendlich oft einen Fuß vor den nächsten gesetzt, wenn es schon nicht mehr zu gehen schien, aus Hoffnungslosigkeit neue Hoffnung gewonnen und am Ende immer Freude gefunden. Am Ende des schwarzen Regenbogens wartet viel Wertvolleres, als nur ein Topf mit Gold, denn das Leiden scheint mir heute wie die letzte Hürde auf dem Weg zu uns selbst: es befreit uns von vielen Sorgen, zeigt uns, was wirklich wichtig ist und macht uns dankbar für die basalen Dinge des Lebens: Essen, Trinken, Wärme oder Kälte, eine Dusche, ein Bett. Und, dass es immer einen Weg gibt. Du musst nur weitergehen.

Wer einen Schritt voraus macht, eine neue Herausforderung angeht, weiß, dass er in unbekanntes Land vordringt, dass er Vieles erlebt hat. Als ich vor nicht einmal zwei Wochen im letzten Viertel des WHEW wirklich zu leiden angefangen hatte, dennoch weiter und weiter gelaufen war und alle Gedanken ans Aufgeben von mir geschoben hatte, reifte die Gewissheit in mir heran, dass die 100 Meilen mir wesentlich mehr abverlangen werden. Alles Trainieren, alles Laufen der letzten zwei Jahre fließt in dieses Pfingstwochenende. Noch nie war ich mir dessen so ungewiss, ob es reichen würde, schon lange habe ich mich nicht mehr so unsicher und unzulänglich gefühlt. Dass wir uns nicht falsch verstehen: man hätte kaum mehr trainieren können, ich bin mir recht sicher, dass das Training mich insgesamt gut vorbereitet hat – aber: ich kann keine Erfahrungen aufweisen, die mich in irgendeiner Form auf die vor mir liegenden 160 Kilometer vorbereiten.

Aber: das Laufen ist nicht nur die reine Vorbereitung; und: im Leiden sind wir zurückgeworfen auf uns selbst und müssen all unser Sein in die Waagschale werfen; das ist aber nur die halbe Wahrheit – die Reise der letzten zwei Jahre war keine einsame; neben der unerschöpflichen Unterstützung meiner Freundin habe ich viele tolle Menschen gewonnen, Freunde, die mich auf den letzten 100 Meilen dieser einzigartigen, zwei Jahre und fast 9000 Kilometer langen Reise begleiten werden; Menschen, die mich mit ihrer Kraft, ihrer Liebe zu dem, was wir tun und ihrer jeweils ganz eigenen Art, an unseren Sport und das Leben heranzugehen, beeindruckt und für sich gewonnen haben. Dieses Wochenende mit ihnen verbringen zu dürfen, ist fast eine größere Freude und Ehre für mich, als an der Tortour teilnehmen zu dürfen. Sie sind die Gesichter, die hinter Jens‘ Satz in der Tortour-Ausschreibung stehen: „Deine Crew bringt Dich da durch!“

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