Der Frankenstoff, aus dem die Kreuzbergträume gemacht sind!

Da war es also, das große, schon im Vorhinein legendäre und heißersehnte Kreuzberg-Wochenende! In den letzten Wochen war ich mehr und mehr zum Kreuzberg-Fanatiker geworden, obwohl ich zu dieser Veranstaltung gekommen war, wie die Jungfrau zum Kinde: ich erinnere mich dunkel, bereits im Jahr 2016 auf die Website des Kreuzberg 50 gestoßen zu sein – ich weiß nicht mehr, wie und durch wen, aber da war dieser ominöse Einladungslauf im Norden Frankens.

Knapp 500 Kilometer schienen mir weit weg und einen konkreten Termin schien es auch noch nicht zu geben. Ich blieb interessiert, vergaß diese Sache aber auch schnell wieder. Erst im Laufe des Jahres 2017 kam der Kreuzberg50 wieder in mein Bewusstsein: inzwischen kannte ich den Schnaufcast, all die anderen Bekloppten, die ich bei Twitter kennen und lieben gelernt hatte, und somit auch Flo, den Organisator. Dennoch blieb ich zunächst zurückhaltend, als Flo die Werbetrommel zu rühren begann. Ich wusste einfach noch nicht genau, wie der Oktober aussehen würde. Im April jedoch schrieb Flo mich an und fragte, ob ich mitmachen wolle, ich würde „vom Spirit gut reinpassen“. Ich war geschmeichelt! Wenn man schon gefragt wird, kann man schlecht nein sagen! Also sagte ich zu – allerdings musste ich noch bis in den September bangen, ob ich das Wochenende frei bekommen würde.

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Als etwa anderthalb Monate vor dem besagten letzten Oktoberwochenende klar war, dass ich würde mitmachen können, war längst so viel Begeisterung in mir entstanden, dass ich mit unverhohlener Freude auf diese Nachricht reagierte. Ich nahm mir vor, sofort Trailtraining in meinen Laufplan einzubauen! Mehr als ein paar Runden Bergtraining und zwei längere Läufe – einer davon der Teutolauf – kamen dabei allerdings nicht zusammen. Die letzte Trainingswoche mit dem Teuto und einem Straßenlauf über 57km lief allerdings so gut, dass ich mit dem Wissen um ein leichtes Defizit am Berg, aber dennoch einem gesunden Selbstbewusstsein und viel Vorfreude in die Regenerationswoche ging, an deren Wochenende der Kreuzberg50 anstand. – Ja, ein 50km-Traillauf in der Regenerationswoche! Ich weiß, das ist bekloppt. Aber darum geht es ja auch bei diesem Haufen von Leuten!

Wenigstens schaffte ich es, mich unter der Woche auf drei kürzere Läufe zu beschränken und mir den Freitag und Samstag lauffrei zu halten; ja gut, nach dem Tempolauf am Donnerstag tat mir die rechte Ferse weh, sonst wäre ich auch am Freitag gelaufen…

Eine Reise für sich – Roadtrip to Kronach

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Das Packen war einigermaßen einfach: Kleidung für davor und danach würde ich am Körper tragen, also brauchte ich nur ein wenig Unterwäsche, einen Kulturbeutel und eine Tasche von der Größe Niedersachsens für die „paar Sachen“, die man für so einen Trailultra zu brauchen meint, inklusive Verpflegung für einen vierzehntägigen Etappenlauf mit 24 Teilnehmern. Am Samstagvormittag stieg ich in mein Auto und steuerte den P+R-Parkplatz Soest-Ost an, wo mich Familie Schluppenchris aufsammeln würde. Nach einigem Hin und Her trafen wir dort auch noch René, um zu beraten, ob wir evtl. zu viert und mit nur einem Auto würden fahren können, doch die Verhandlungen scheiterten. So kamen nur Nina und Chris in den Genuss meiner Gesellschaft. Es war wie immer bei uns: wir hatten viel Spaß, redeten dummes Zeugs („Hier liegt das Haseltal, in dem Karl-Theodor Nuss im Jahre 1753 die sogenannte Haselnuss erfand – seitdem ist diese Region die europaweite Keimzelle der Nutellaproduktion!“), sahen viel Landschaft und Städte mit lustigen Namen („Hier aus Ifta kommt die Techno-Musik!“ – „Wie kommst Du darauf?“ -„Ifta, Ifta, Ifta, Ifta, Ifta…“) und erfreuten uns, als wir endlich im fränkischen Kronach, der Stadt mit dem Kreuzberg und somit dem Ziel unserer individualverkehrstechnischen Bemühungen, am heimischen Dialekt („Sammelns Dreuebungde?“).

From Beer to Trail – oder: Nachts sind alle Würstchen schwarz!

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Nach dem Einchecken im avisierten und bis in die Nanostruktur peinlich sauberen Hotel ging es dann auch schon in den Kronacher Ortsteil Dörfles, wo der elterliche Hof von Flos Freundin Franzi als Basiscamp dienen würde – und heute Abend als Ort für die „Pastaparty“ und das Rennbriefing. Kreuz und quer kannte man sich schon persönlich, doch so oder so war mein Gefühl von Anfang an: „passt!“ Die Leute mischten sich schnell untereinander – sicher auch mit Hilfe des Frankenstoffs, der uns sehr bald in gesundem Maße in die Köpfe stieg – und die Atmosphäre war durchgehend herzlich. Am Rande diese regen Treibens wurden wir nach und nach ans Mikro gebeten, wo wir uns mit Flo oder René als Interviewer im Podcast verewigten. Hört mal rein, ich fand es sehr faszinierend, wie viele tolle und unterschiedliche Menschen wir zusammengebracht haben!

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Obwohl die Startzeit wegen des aufziehenden Sturms um zwei Stunden auf acht verschoben worden war, beendeten Nina, Chris und ich den Abend recht früh. Im Hotel legte ich mein Zeug für den nächsten Tag aus, ging ins Bett und schlief ein wenig unruhig. Am nächsten Morgen trafen wir uns zur wie so oft viel zu spät verabredeten Zeit am Auto und hechteten zum Basecamp, wo wir schon erwartet wurden. Uns blieben kaum fünf Minuten bis zum Start! Nachdem wir uns bereitgemacht hatten, schossen wir das obligatorische Gruppenfoto, zählten die letzten Sekunden herunter und rannten los!

Kreuzberg50 – fünf Runden für die Ewigkeit

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Die erste Runde liefen wir unter der Führung unseres Renndirektors Flo. Nach einigen hundert Metern ging es hinterm Kalkwerk steil und sehr matschig etwa 120 Höhenmeter die dicht bewaldete Flanke des Kreuzbergs hinauf. Wir liefen lange an der steilen Steigung, bis es gesellschaftlich angemessen erschien, die erste Gehpause zu machen. Viele Läufer atmeten innerlich auf. Ein hecheln kam von hinten näher und bald überholte uns Rocco, sein Herrchen Bert im wahrsten Sinne des Wortes im Schlepptau.

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Die beiden rannten mal eben den Berg hoch, während wir ungläubig dreinschauend hinterherstapften. Ganz oben angekommen, öffnete sich der Wald  auf das Hochplateau des Mount Kreuzberg. Vor mir lief Sascha durch das Loch in der Vegetation; sein Umriss verschwamm in den fast direkt von vorn kommenden Strahlen der Morgensonne. Einen Augenblick vom hellen Licht benommen, blickte ich über die Felder in einen fast wolkenlosen Himmel. Wir warteten einen Moment, weil Daniel fehlte – schnell stellte sich heraus, dass er wieder böse umgeknickt war und zur Umkehr gezwungen gesehen hatte.

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Zögerlich liefen wir weiter. Jetzt ging es durch eine Senke und wieder hinauf zum Segelflugplatz. Hier herrschte eitel Sonnenschein, der nur von gelegentlichen kurzen Schauern unterbrochen wurde. Der Wind war bis auf einige stärkere Böen abgeflaut. Wir überquerten die Landebahn und hatten nach wenigen Schritten zum ersten Mal nasse Füße, denn die Wiesen standen teilweise knöcheltief unter Wasser. Am Waldrand warteten wir auf die Nachzügler. Als es endlich weiterging tat Flo den Ausspruch „von hier an ist’s eigentlich nur noch downhill!“, der uns fortan begleitete, denn recht bald ging es wieder leicht, dann später sogar recht entschieden bergauf, was beißenden Spott aus der Gruppe nach sich zog.

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Nach einem Stück Waldweg kamen wir auf einen der wenigen Straßenabschnitte und liefen die Auffahrt zur Kreuzbergkapelle hinauf. Just in dem Moment, als wir aus dem Wald kamen, brachen fünfzig Meter entfernt zwei sturmgeschädigte Bäume in sich zusammen – der einzige Zwischenfall dieser Art übrigens. Wir umrundeten die Kapelle und liefen den ersten wirklichen Downhill, der kurz, aber steil ausfiel. Danach ging es ein paar hundert Meter über einen Waldweg zurück auf eine Straße, bis wir im Rechten Winkel in den Wald abbogen wo es an einen knackigen Aufstieg ging – oder, wie wir schon bald zu sagen pflegten: „nur noch diesen Downhill hoch“.

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In mir stieg der Respekt vor der Strecke. Das würde ja was werden, 50km auf diesem Terrain! Am Ende der Steigung durch den Wald ging es dann eine ganze Weile bergab, bis die Bäume zurückwichen und den Blick auf die Stadt freigaben. Ein Singletrail, der mich stark an die Trails beim TNF50 in San Francisco erinnerte, führte über sanfte Hügel zum namensgebenden Kreuz. Dieser Hügeltrail sollte schnell zu meiner Lieblingsstelle auf der Strecke werden. Von dort aus ging es ein Stück geradeaus durch den Wald und schließlich über eine lange Gefällestrecke zum Fuß des Berges.

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Dort bogen wir vom Forstweg ab und stiegen in den Fellrunning-Abschnitt über die Wiesen am Fuß des Kreuzbergs ein, unterbrochen von einem fiesen kleinen Anstieg. Entlang der Kronach liefen wir schließlich über die Ebene zurück auf die Straße, wo wir nach einem Schlenker über den Reitverein am Kalkwerk in die Zielgerade einbogen und über die Brücke direkt auf den Hof unseres Trailcamps liefen. Wir wurden mit Jubel und einem prall gefüllten VP empfangen, gönnten uns Getränke, Brühe und Kuchen. Während Daniel und Niklas direkt wieder durchstarteten, als hätten sie auf halbem Weg ihren Autoschlüssel verloren, gönnten wir Anderen uns etwas mehr Zeit und gingen kleckerweise einer nach dem Anderen wieder auf die Reise.

Der Schluppentiger kommt aus dem Tritt

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Für die zweite Runde hatten Schluppe und ich, nachdem wir zuvor größtenteils getrennt gelaufen waren, wieder zusammengefunden. Wir klönten unseren üblichen Quatsch und stapften durch den Matsch bergauf, hinab durch die Tiefebene und über den Segelflugplatz. Von hinten lief Chris Herzog auf uns auf. Ich sagte zu Schluppe „wir werden eingeholt, da ist jemand hinter uns!“. Ein wenig später war Chris einige Meter hinter uns; Schluppe drehte sich um und brüllte ihn an „Geh weg, wir wollen Dich nicht!“ Ich bog mich vor Lachen und auch der so angeherrschte merkte schnell, dass dieser Anschiss nicht ernst gemeint war. Dennoch entschuldigte Schluppe sich nach einiger Zeit und wir liefen zu dritt weiter. Nach der Kreuzbergkapelle liefen wir hinab auf die Straße und verloren kurz die Orientierung. Schluppe lotste uns die Straße entlang wieder bergauf. Das kam mir komisch vor, denn ich erinnerte mich nicht an eine derartige Steigung. Der Straße folgend, bogen wir um die Ecke und liefen weiter bergauf. 20 Meter vor uns war eine Kreuzung zu sehen. Von rechts oben kam plötzlich Sascha aus der entgegengesetzten Richtung. Alle blieben stehen und schauten sich verdutzt an. Wir zeigten fragend in die Richtung, aus der wir gekommen waren und Sascha nickte lächelnd. Hatte ich also mal wieder Recht gehabt!

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Während wir nun wieder in die richtige Richtung liefen, kamen Chris und ich ins Gespräch, während Schluppe langsam Probleme bekam, schweigsam wurde und ein wenig zurückfiel. Wieder am VP angekommen, stärkten wir uns mit Brühe und Cola. „Wenn Du mich heute fertigmachen willst, dann mach ruhig so weiter!“ knurrte Schluppe. Er schaute ein wenig säuerlich drein, bis er sich schließlich wortlos umdrehte und einfach losrannte. Ich wollte ihn gern wieder begleiten und rief ihm hinterher, doch Schluppe rannte weiter. An der Steigung stochte er mit derartigem Tempo den Berg hinauf, dass ich den Anschluss verlor und allein mit Chris Herzog weiterlief, der inzwischen zu mir gestoßen war. Auf der Hochebene sahen wir unseren rotbejackten Freund weit vor uns wieder; er lief wie ein Uhrwerk unbeirrt die lange Steigung zum Flugplatz hinauf. Wir nahmen uns vor, ihn baldmöglichst einzholen.Auf dem Weg zum Flugplatz kamen wir immer näher und hatten ihn schließlich beim Hochsitz vor der Landebahn eingeholt. Nun ging es weiter, wie in Runde zwei: Tiger und Herzog quatschend vorweg, Schluppe genervt und angestrengt hinterher. Kurz hinter San Francisco ließ er sich mehr und mehr zurückfallen, nachdem er gemault hatte, es mache ihn fertig, wie wir zwei locker vor ihm herliefen. Auf dem Fellrunning-Abschnitt konnten wir nur noch diesen roten Punkt in der Ferne sehen und liefen zu zweit Runde drei zu Ende.

Die Zweifel des Herrn Schluppinger: Runde vier

Während ich schon meine seit Runde drei mit mir getragene Softflask befüllen ließ und mir eine Brühe hinters Multifunktionstuch kippte, erschien ein sichtlich gezeichneter Schluppi im Schlemmerbereich der Lauferanstaltung. Diesen Blick, diese Haltung, all das kannte ich schon. Der Mann wollte nicht mehr. Er war nicht weit davon entfernt, auszusteigen und damit etwas zu tun, was er später bitter bereuen würde. Ich ging zu ihm hin und tat, was ihn aus dieser Stimmung reißen würde: ich nahm ihn in den Arm und redete beruhigend auf ihn ein, erstmal was zu essen, zu trinken, sich auszuruhen und dann zu entscheiden.

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Das zeigte Wirkung, und so liefen wir also wieder gemeinsam über die Brücke in Richtung Kalkwerk, kämpften uns den Berg hinauf und trabten durch die Senke hoch zum Flugplatz. Am Hügel nach der Landebahn lief Chris wieder auf uns auf. „Kschksch! Wir laufen grad so schön!“ vertrieben wir ihn scherzend. Chris stieß zu uns und spätestens ab San Francisco trieb es uns wieder auseinander. Jetzt scheuchte Schluppe uns beide: „Husch, lauft vor, ihr nervt!“ Auf dem Downhill zum Fellabschnitt ließ er endgültig abreißen und wurde wieder zur roten Figur am Bildrand, die unseren Schritten in der Ferne folgte und doch ihren eigenen Weg ging. Chris und ich unterhielten uns über regionale Mentalitäten, wichen den großen Pfützen am Reiterhof aus und liefen zum vorletzten Mal ins Ziel.

Der Berg, meine Pferdchen und ich: Runde vier mit Musik

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Im VP eingetroffen, waren wir überrascht, den Erdnussbutter-Daniel zu sehen, der leicht bedröppelt in der Ecke saß und auf Nachfragen, warum er nicht schon auf der Hälfte von Runde fünf sei, leise erklärte, er habe nach einem Kilometer einen Wadenkrampf bekommen, der ihn zur Aufgabe gezwungen habe. Das tat mir leid für ihn, der von Anfang an geführt hatte. Wieder harrten wir eine Weile in der Scheune aus, bedienten uns am Buffet und während ich dort saß, eine Tasse Brühe in der einen, ein Glas Cola in der anderen Hand, ausgelastet mit der Frage, was ich zuerst trinken sollte, kam auch Schluppe bei uns an. Die Unterhaltung schwenkte recht schnell wieder auf das Läuferfeld zurück. „Dann sind noch Denis und Stefan draußen, nicht?“ Hm, Platz drei? „Nein“, antwortete Flo, „der ist auch nach Runde vier raus und duscht gerade. Es geht hier also noch um Platz zwei und drei!“ Er zuckte mit den Augenbrauen. Bereits nach der Sache mit dem Dritten Platz hatte eine Herde kleiner Pferdchen in meinem Kopf Anlauf genommen; nachdem Flo von Platz zwei sprach, sprangen sie mit großem Remmidemmi über den Zaun und galoppierten in die Freiheit. Ich trank meine Cola aus und begab mich langsam Richtung Ausgang. Schluppe folgte mir und ich sagte „Aaach, hilft ja nix!“, während ich mir das zuvor herausgekramte Headset in die Ohren steckte. Schluppe wusste genau, was jetzt kommen würde und sagte nur „Hau schon ab!“ Ich ging betont gelassen in Richtung Tor und rannte, kaum auf der Straße, los. An der Kurve beim Kalkwerk sah ich zurück: Chris Herzog war etwa dreißig Meter hinter mir. Schon wieder so ein gelber auf der Zielgeraden! An der Steigung begann ich sofort, zu gehen, doch in einem möglichst konstanten und schnellen Tempo. Kurz vor dem Waldausgang auf die Ebene sah ich zurück und erblickte Chris. Der Abstand war etwa gleich geblieben. Ich lief, was ich für ein mittelschnelles Tempo hielt; der Kilometer in die Senke hinein lag im 4:40er-Bereich, also war ich reichlich fix unterwegs. Ich traute mich nicht, mich umzusehen und zwang mich, den gesamten Anstieg zum Flugplatz zu laufen, doch nach der Hälfte der Strecke wurde mir schwindelig. Nicht übertreiben, Tiger! Ich zwang mich, zu gehen und lief erst auf dem flacheren Stück wieder an. Diese Präsenz hinter mir und die wirklich tolle Musik in meinen Ohren trieb mich weiter und ließ mich ständig an der Schwindelgrenze weiterlaufen. Die Steigung durch den Wald ging ich fix und konstant hinauf, geriet aber dennoch ganz ordentlich außer Atem. Oben angekommen, riskierte ich doch einen Blick. Kein Gelb weit und breit. War die Platzierung schon gesichert? Ich erlaubte mir kein Gefühl der Sicherheit.

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Den Downhill nach San Francisco rannte ich stöhnend vor Anstrengung hinab und kämpfte mich über all die kleinen Steigungen bis zum großen Downhill in den Fellbereich. Hier ballerte ich stöhnend weiter bis in die Ebene und erreichte erneut eine Pace deutlich unter 5:00.

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Das Ziel vor Augen, gönnte ich mir keine Erholung und rannte japsend weiter. Bedenkt man den fiesen kleinen Downhill, den ich noch hoch musste, war selbst die 6:30 des anschließenden Kilometers gut; und auch die letzten 1500 Meter bis ins Ziel lief ich noch deutlich unter fünf. Während der letzten Minuten war noch einmal fieses Wetter aufgezogen und es windete kräftig, doch diese Widrigkeiten erreichten mich kaum noch. Das Keuchende muss in die Scheune, mehr war nicht mehr wichtig. Kurz vor der Abbiegung zum Reitverein wechselte ich auf mein augenblickliches Lieblingslied und lief keuchend weiter. Alles fiel auseinander! Während ich die Straße entlanghechelte, stellte ich mir vor, wie gleich alle jubeln würden, sobald ich am Ende der Straße in Sicht käme, wie mich das ins Ziel tragen würde! Ich bog um die Ecke, lief die Brücke hinauf und sah und hörte… niemanden. Das Wetter war so unangenehm, dass alle in die Scheune gegangen waren. Flo stand am Tor und erblickte mich, kurz bevor ich das Tor zum Grundstück öffnete. Er klatschte, jubelte und alle kamen johlend aus der Scheune gelaufen. Ich musste bei jedem Abschlagen und sank erstmal erschöpft auf die Bank, wo ich beglückwünscht und schnell mit Essen und Getränken versorgt wurde.

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Ich konnte es noch nicht glauben: ich war tatsächlich bei einer Laufveranstaltung zweiter geworden! – und wenn auch, weil Viele zuvor geplant oder ungeplant ausgestiegen waren. Aber dennoch! Trotzdem ging es mir darum in der letzten Runde nicht primär. Mich so hetzen zu lassen, mit Musik im Ohr dieses „der Berg und ich“ ganz intensiv zu spüren, ihm, nicht den Anderen, diesen zweiten Platz abzuringen und dabei einige Minuten Vorsprung aufzubauen, das war der Kern dieser finalen zehn Kilometer! Es war eine Grenzerfahrung für mich und ein Kampf gegen mich selbst, den ich wirklich genossen habe!

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Ein wenig ausgeruht, schlurfte ich mit einem großen Glas Cola zum Tor, um der Anderen beiden Christians zu harren. Zuerst traf Chris Herzog – allerdings mit auch mich beeindruckendem Abstand zu mir – ein, dann, noch einige Minuten später, auch Schluppe, der auf der Brücke einen Freudensprung machte und euphorisch beklatscht würde. Er betrat den Hof und ich umarmte ihn stolz. Wir blödelten ein wenig rum und räumten ein wenig das Zeug zusammen, bis sich wenigstens bei mir ein großes Verlangen nach einer Dusche aufgebaut hatte. Uns wurden Badezimmer zugeordnet, wo ich meinen Körper entschlammte und in wunderbar warme un trockene Kleidung und Schuhe schlüpfte – hach! Nach der Siegerehrung und einem großen Abschied mit vielen Umarmungen verstauten wir unsere Taschen wieder im Auto und fuhren in den Sonnenuntergang in Richtung Ruhrgebiet. Die Heimfahrt verbrachte ich ausgestreckt auf der Arnsberg’schen Rückbank, müde dreinblickend und Kuchen mampfend, voller Vorfreude auf mein heimisches Bett.

Wer braucht schon eine Crew, wenn er eine Familie hat?

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Ohne es unnötig in den Himmel heben zu wollen: dort in Kronach ist etwas Besonderes entstanden, sind Leute zusammengekommen, die zusammengehören, um es mit Herbert Frahm zu sagen. Es haben sich am letzten Oktober-Wochenende in dieser Scheune in Dörfles, wie Eric im Podcast sehr richtig gesagt hat, viele Leute miteinander versammelt, die ansonsten recht sicher auf der Straße aneinander vorbeigegangen wären. Insofern ist die Filterbubble, sonst immer für ihre Monokultur gebrandmarkt, tatsächlich produktiv, indem sie unter der Ägide des Ultratrail-Laufens so viele unterschiedliche und liebe Leutchen aus allen Ecken dieser Republik zu einer sehr heterogenen Gruppe zusammenführt. Familie eben. Und die ist besser, als jede Runcrew. Natürlich sind auch wir nicht ganz frei von kommerzieller Hybris, aber hey, der Frankenstoff war auch wirklich scheißlecker!

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5 Kommentare zu “Der Frankenstoff, aus dem die Kreuzbergträume gemacht sind!

  1. Pingback: Kreuzberg50 – fränkische Schlammschlacht und Bier – Laufen. Tanzen. Kekse backen.

  2. Pingback: Mesozyklus KW 40-43 | TRAILTIGER

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