Von normalen Leuten, die nicht mehr ganz normal sind – der Kölnpfad 10×11 2018

Als Ruhrgebietsmensch und Westfale hat man eine große Chance, in einem gespaltenen Verhältnis mit der Mediendeponie am Rhein zu stehen: die Stadt hat was, ist aber auch mit ihrem Bierersatzprodukt, ihrer komischen Eingeborenenmucke und ihrem Karnevalstick irgendwie strange. Dennoch birgt sie als Metropole eine Menge Möglichkeiten – und wenn es nur die ist, drumherum laufen zu können. Dabei lernt man eine vollkommen andere Seite kennen, als die, die man im Allgemeinen von einer Großstadt hat, denn es gibt eine Menge Grün, ausgedehnte Waldflächen und bietet eine wirklich anspruchsvolle und abwechslungsreiche Ultrastrecke.

Bereits im letzten Jahr hatten Schluppe und ich beim 75km-Nachtlauf Kölnpfad-Luft geschnuppert und uns sehr schnell dafür entschieden, dieses Jahr die mittlere Distanz von 110 Kilometern anzugehen. Gesagt, getan. Nach WHEW und Tortour de Ruhr in diesem Jahr erschien mir der Kölnpfad eher als Nebensache, der ich nicht viel Bedeutung beimaß. Sicher, ich war mir in Klaren darüber, das der Lauf hart wieder hart werden und keine Bestzeit in Aussicht stehen würde, doch dennoch erschien er mir, wie ein läuferischer Nebenschauplatz des Laufjahres 2018.

Die Anreise

Entsprechend der Maxime, den Kölnpfad quasi im Vorbeigehen mal eben abzuschließen, hatte ich mir nicht die Mühe gemacht, mehr Tagefreizunehmen, als unbedingt nötig. So kam es, dass ich am Vortag Dienst bis 23 Uhr und bereits an diesem Tag ein Schlafdefizit aufgebaut hatte. Es war soweit alles vorbereitet, und dennoch bekam ich lediglich 6:45 Stunden Schlaf zusammen. Das, so sollte sich als eine große Hypothek für den Lauf herausstellen. Doch soviel wusste ich am frühen Morgen des vergangenen Samstags nicht. Ich zog meine geplante Morgenroutine durch, schnappte meine Sachen und zog mich an und war genau mit Schluppes Ankunft vor meiner Haustür abmarschbereit. Wir herzten uns und machten uns direkt auf den Weg. Ich war noch sehr müde aber das war ich schon vom letzten Kölnpfad gewöhnt – ich vertraute darauf, dass die Müdigkeit irgendwann schon weichen würde.

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Wir blödelten rum, während wir in Richtung Domstadt fuhren und gelangten schließlich an unser Ziel an der Bezirkssportanlage im Thuleweg. Wir stellten das Auto auf dem großen Parkplatz, den wir schon kannten ab, rüsteten uns aus und schlenderten zum Start-Zielbereich, wo ein reichlich aufgekratzter Tom Eller uns freudig begrüßte und uns persönlich ins Startbüro begleitete. Aus irgendeinem Grund war Schluppe in die 171er-Startliste gerutscht, was erst einen Tag vor dem Event aufgefallen war. Schluppe erhielt also eine neue 110er-Startnummer und einen Tracker, der in deutscher Aussprache nur GPS-Trecker genannt wurde, was uns im landwirtschaftlich geprägten Bereichen wie Bensberg noch einige Freude bereiten würde. Ich lief nochmal zurück zum Auto, weil ich mein Startnummernband vergessen hatte und legte dort auch den Umschlag mit unseren Goodies ab. Zurück im Hautquartier, saßen wir noch eine Weile herum, blödelten, bis schließlich das Kommando für den Bus erschallte. Wie eine Horde Schüler kaperten wir den Linienbus, der kein Geheimnis darum machte, dass er nicht mit einer Klimaanlage ausgestattet war.

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Nachdem wir eine Zeit in der Sonne vorgedünstet hatten, ging es endlich los – per Saunabus durch Köln! Nach einigen Minuten müden Gesprächs – ich hatte noch immer diese krasse Müdigkeit in den Knochen – fiel mein Blick nach oben auf eines der Kippfenster; mit einiger Mühe gelang es mir, das Fenster zu öffnen und es zischte laut, als der Über druck aus dem Fahrzeug entwich; wir waren uns einig, dass es bis dahin von außen ganz sicher ein wenig gebläht ausgesehen haben musste. Auch von der Rückbank kam ein dankbares Aufstöhnen, denn der Luftzug, der nun durch den Bus ging, war äußerst wohltuend. So fuhren wir eine Weile, bis wir endlich zum Rhein-Energie-Stadion gelangten, wo der VP4 und unser Startpunkt lagen. So wälzte sich ein aufgeregter Pulk von rund 40 voll ausgestatteten Ultraläufern vom Parkplatz vor das Tor des Stadion-Vorplatzes. Kurz vor dem VP standen ein paar junge Männer mit einer Kiste Bier und fragten uns, wie weit wir den zu laufen geplant hätten. „110 Kilometer“, sagte ich trocken und genoss das fünfsekündige Schweigen, dass mir stets entgegenschlug, wenn ich über meine Distanzen sprach. Immerhin kam kein „das fahre ich ja nicht mal mit dem Auto gern“, einer der Sprüche, die unter dem Hashtag #shitenduranceathleteshear zusammengefasst werden.

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Wir scherzten noch einen Moment über diese Nicht-Läufer und wandten uns dann wieder dem ernsten Geschäft der Ultraläufer zu; immerhin waren wir an einem VP! Ich nahm einen Müsliriegel, ein wenig Cola, eine Fassbrause und verschiedene Süßigkeiten zu mir, ließ mich durch die Menge treiben und quatschte dummes Zeug, bis schließlich Tom eintrudelte, uns zu seiner üblichen, charmanten Startansprache versammelte und uns mit einem verbalen Klaps auf den 10×11 Kilometer langen Weg schickte.

Die Müdigkeit in meinen Knochen – der erste Marathon

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Wir liefen los und gerieten bereits an der Flanke des Stadions wieder ins Stocken, denn anscheinend war das Gelände für eine Veranstaltung abgesperrt worden – ein Sicherheitsmann hielt uns auf, doch nach kurzer Diskussion wurde uns der Weg freigemacht. Wir liefen über das Gelände, bis wir zum Zaun auf der anderen Seite gelangten wo sich das Schauspiel mit einem anderen Sicherheitsmann wiederholte – jetzt endlich waren wir frei und liefen in den Grüngürtel im Südwesten von Köln hinein. Die Strecke war sehr nett, doch meine Müdigkeit war nach wie vor nicht aus den Knochen zu bekommen und lähmte mich. So liefen wir einigermaßen schweigsam, jedenfalls aber als Duo launetechnisch und untypischerweise angeschlagen die ersten Kilometer.

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Wir gelangten neben Frank, den ich schon seit einer Weile kenne und mit dem ich zu Beginn der Tortour bereits einige Worte gewechselt hatte. Schluppe ließ sich ein wenig in die Gruppe zurückfallen, während mich das Gespräch mit Frank ein wenig aus meiner Lethargie herausholte. Für eine Weile fühlte ich mich wesentlich besser. Ich war erleichtert, denn ich hatte an meiner Fähigkeit gezweifelt, diesen Tag erfolgreich zu Ende bringen zu können – die Angst blieb jedoch noch immer.

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So erreichten wir VP5 am Eifeltor, wo ich zum ersten Mal meine Flaschen auffüllte (das Hantieren mit den Iso-Tabletten dauert immer einen Moment), wir uns ein paar Kekse in den Mund stopften und weiterliefen. Ich war nach wie vor innerlich niedergeschlagen, denn die Müdigkeit hatte ich noch immer nicht aus meinen Knochen schütteln können – ganz im Gegenteil, sie war mit voller Härte wieder zurückgekehrt. Wir liefen weiter, unterhielten uns und in meinem Kopf schob sich ein Ausstiegsszenario vor das nächste. Als dann bei Kilometer 18 David Knight vor unseren Augen ausstieg, war ich kurz an meinem absoluten Nullpunkt angekommen. Wie sollte das noch werden, wenn ich mich jetzt schon so fühlte? Wie würde ich mich bei Kilometer 60 fühlen? Und wie sollte ich so die kompletten 110 Kilometer durchlaufen? Ich sprach mit Schluppe darüber und merkte, wie ich mir den Ball für einen Ausstiegselfmeter zurechtlegte. Schluppe sagte, da ich mein Geld vergessen hätte, gebe er mir gern seins, ich könne mich ja mit David zusammentun. Ich lehnte ab und sagte, dass ich jetzt garantiert noch nicht abbrechen würde, das sei viel zu früh. Irgendwie hatte mir Schluppes Reaktion die Augen geöffnet und mir war klar geworden, dass ich nicht aussteigen wollte.

Wenig später erreichten wir dann auch schon den VP6, wo ich einige bekannte Gesichter traf – wieder füllte ich meine Flaschen auf, aß nur ein wenig und kippte mir auch eine Menge Wasser über den Körper – ich hatte bei der Tortour gute Erfahrungen mit externer Kühlung gemacht. Nach der Pause liefen wir also klatschnass weiter und ich freute mich über das Gefühl leichten Fröstelns, dass der Kühlungseffekt mir bereitete. Die Strecke, die nun am Rheinufer verlief, war uns gut vertraut, denn nach dem nächsten VP, den wir in einer Schleife, erst ein paar Kilometer Rheinabwärts, dann nach der Überquerung des Flusses an der Rodenkirchener Brücke, erreichen würden, begann die Strecke des Nachtlaufs, die wir schon vom letzten Jahr kannten. Doch zunächst liefen wir die Uferstraße entlang zum Rodenkirchener Leinpfad, wo das Ufer mit Sandstränden versehen war. Hier waren bei dem Top-Wetter unzählige Leute unterwegs und wir fielen ziemlich auf- wäre hinter uns ein UFO gelandet, hätte das sicher kaum erstauntere Blicke auf sich gezogen. Wir liefen, freuten uns über das ungewohnte Strand-Flair und erreichten wenig später den gigantischen Brückenfuß der Rodenkirchener Brücke, den wir erklommen, um den großen Fluss zu überqueren. Auf der anderen Seite angekommen, ging es wieder in die andere Richtung zum VP 7. Wir überholten Sven, der sich uns anschloss und kamen mit ihm ins Gespräch, während wir uns durch die mittlerweile eingetroffene Nachmittagshitze mühten und uns über jeden der motivierenden Hinweise freuten, die uns bereits 1,8 Kilometer vor dem VP auf ebenjenen hinwiesen. Es zog sich noch eine Weile während derer ich leise vor mich hin litt, doch irgendwann kam dann der uns vertraute VP von Susanne Alexi in Sicht.

Wir grüßten in die Runde, Philipp bekam ein Fist-Bump, Marina eine Umarmung, dann tummelten wir uns am Buffet und füllten unsere Flüssigkeitsvorräte wieder auf. Anschließend quatschten wir noch ein wenig und stellten uns vor der Weiterreise noch ein wenig unter die Gartendusche, die am Rande des VP aufgebaut war, bis wir komplett durchnässt waren – herrlich!

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Mit der Aussicht auf den nächsten VP in etwa 10 Kilometern Entfernung machten wir uns wieder auf den Weg. Hier begann unser ewiges Frog-Leaping mit Philipp, der noch einige Stunden in unserer Sichtweite bleiben sollte – wir liefen ein paar Kilometer am Ufer entlang, durchquerten den Zündorfer Hafen und erreichten schließlich den Bereich der Rheinkurve bei Lülsdorf. Hier wurde der Weg eng, fast ein Singletrail. Schluppe vermeldete, dass er ein wenig kämpfe und mit Musik laufen wolle. Ich hatte die Müdigkeit inzwischen komplett abschütteln können und fühlte sah dem Rest der Strecke voller Zuversicht entgegen. Ich freute mich und steckte mir auch eine Weile Kopfhörer in die Ohren – zu anfeuernder Musik liefen wir in strammem Tempo durch den Wald.

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Irgendwann wurde es so eng, dass wir hintereinanderlaufen mussten – wegen der Musik schaute ich mich alle paar Minuten um, ob Schluppe noch hinter mir war, bis er plötzlich verschwunden war. Ich sah mich um und erblickte ihn etwa 50 Meter hinter mir, wie ers sich gerade wieder aufrappelte, weil er offensichtlich gestürzt war. Ich stützte die Arme in die Hüfte und schaute Schluppe an, bereits einen Spruch auf den Lippen, doch der tauchte einfach unter meinem Blick hindurch und rannte weiter. Als ich ihn eingeholt hatte, hörte ich, wie er mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut schluchzte. Ich ließ ihn eine Weile in Ruhe. So liefen wir an den Waldrand heran und überholten Sven und einige 171er, die sehr erschöpft wirkten. Sven schloss sich uns an und wir kamen als Dreiergruppe an den VP, wo wir sehr nett empfangen und bedient wurden. Hier konnten wir uns bereits auf das einstimmen, was vor uns lag: zwölf Kilometer schattenloser Wege durch die pralle Sonne, ein Abschnitt, der mir in der Abendstimmung des Nachtlaufs im letzten Jahr sehr gefallen hatte, dies jetzt – da war ich sicher – nicht so sehr tun würde. Wir aßen, tranken, füllten auf und benetzten uns zuletzt wieder großzügig, ehe wir den Schatten der großen Eiche neben dem VP verließen, um uns dem zu stellen, was unserer flimmernd harrte. Schluppe war wieder gesprächig geworden und wir kamen nach einigen Sätzen auf seinen Sturz zu sprechen. „Du warst sehr wütend auf Dich in diesem Moment, oder waren das Tränen der Verzweiflung?“ – „Gar keine, das kannst Du gar nicht erkannt haben, ich hab‘ ja ’ne dunkle Brille auf!“ Kam es trotzig und wenig überzeugend zurück. „Ich würde das auch im Dunklen sehen, mein Lieber, ich kenne Dich sehr genau!“ Wir lachten beide (ich etwas lauter) und setzten unseren Weg fort, nachdem ich ein paar Bilder geschossen hatte, die fast idyllisch aussehen und die gnadenlose Hitze des Ortes hinterlistig verschweigen.

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Hitzehölle und Straßenumleitung – der Südosten

So kamen wir auf die schnurgeraden Wege durch die Felder von Lülsdorf. Die Sonne brannte und wir wechselten zwischen Laufen und Gehen, Trinken und Schwitzen, immer im Wechsel mit Philipp, der mal weit vor, mal weit hinter uns war. An einer Abbiegung auf ein weiteres schnurgerades Stück stand ein Haus – der Besitzer hatte in den Baum an der Grundstücksgrenze einen Schlauch gebunden, der nun die ganze Zeit einen feinen Sprühstrahl von sich gab. Was eine tolle Abkühlung!

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Erfrischt und mit gehobener Laune liefen wir weiter, überquerten die Porzer Landstraße und schauten den Flugzeugen zu, die sehr niedrig neben uns herflogen. „Flughafen Köln/Bonn, da wird man von Köln nach Bonn geflogen“, sagte ich. „Deswegen fliegen die auch so tief, höher lohnt sich ja nicht“, entgegnete Schluppe und wir lachten herzlich. Wir liefen am Modellflugplatz vorbei der mich die Geschichte mit den niedrig fliegenden Flugzeugen noch etwas ausbauen ließ und überholten Philipp endgültig. Die Sonne brannte so sehr, dass ich meinen Buff zum Stirnband umfunktionierte und ihn über meine Ohren zog, um mir dort keinen Sonnenbrand zu holen. Wenig später durchquerten wir Libur, brachten einen weiteren Feldabschnitt hinter uns und bogen auf den langen, geraden Weg neben der Bahnlinie ab, auf dem wir viele Wanderer überholten.

Am Ende des Weges wartete der Edeka Wahn auf uns und Schluppe bog vom Weg ab, um sich eine Erfrischung zu kaufen. Ich bat ihn, mir eine Caprisonne mitzubringen, aus der ich mir einen Becher bauen wollte, da ich meinen vergessen hatte. Er meinte, er müsste mir dann ja eigentlich auch eine Schere kaufen, damit ich das bewerkstelligen könne, doch ich war sicher, dass es an irgendeinem VP eine Schere geben würde. Nur wenige Minuten später kehrte Schluppe mit meiner Caprisonne zurück und drückte mir auch noch ein wunderbares Calippo in die Hand – eine tolle Abkühlung nach all der Hitze auf den Feldern! Unser Eis essend und ausgelassen scherzend gingen wir wieder auf die Strecke. Auf einer Bank saßen einige Wanderer und sahen uns an. Einer von ihnen sagte: „Solltet Ihr nicht laufen?!“ Schluppe antwortete in einem seiner besonders schlagfertigen Momente: „Solltet Ihr nicht Wandern?!“ Touché! Ich war stolz auf meinen Begleiter und lachte laut.

Nachdem wir unser Eis verputzt und auch sonst keinen Grund mehr hatten, die Gehpause aufrecht zu erhalten, liefen wir weiter; einige Kilometer ging es an der Straße entlang, durch einen Park und in Wohngebiet, wo uns schließlich auf einem Stichweg das VP-Schild auf ein Grundstück lotste, wo uns ein großer VP auf einem Garagenhof erwartete, der von Michael Irrgang geführt wurde. Dort erblickte ich als erstes eine Schere (geht doch!) und bastelte mir aus der leergetrunkenen Caprisonne einen Becher. Das ist übrigens eine sehr kostengünstige Variante, die im Gegensatz zu vielen der teuren Faltbecher von Salomon und Co auch noch stehen können.

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Ich legte meinen Rucksack ab, öffnete das Hauptfach, um eine neue Dose Iso-Tabletten startklar zu machen und merkte, dass die Dose Schokakola, die sich dort befand, anscheinend so sehr aufgeheizt hatte, dass die Schokolade herausgedrückt worden war. Ich nahm ein wenig von dem Klopapier, dass ich mir eingesteckt hatte, um die Schokolade wegzuwischen; als ich so mit dem Klopapier mit Schokoladenflecken da stand, überlegte ich kurz, ob ich im Dixi verschwinden und am Schoko-Papier leckend wieder herauskommen sollte, um die Umstehenden zu schocken, verwarf den Gedanken dann aber, nachdem ich ihn mit Schluppe geteilt und wir ein wenig gelacht hatten. An der Rückwand des Hofs saßen zahlreiche müde Wanderer und Läufer aufgereiht im Schatten und sahen uns zu, wie wir unsere Flaschen füllten, uns eine Erbsensuppe teilten (lecker!, dass ich sowas würde nach 60km essen können, hätte ich nie gedacht) und wie ich den Käseteller plünderte (auch sehr lecker). Noch besser wurde die Show für die Pausierenden, als wir uns wieder ausrüsteten und uns vorher noch sehr gewissenhaft Wasser über den gesamten Körper schütteten. Währenddessen kam ein reichlich geschaffter Philipp in den VP und wir wechselten ein paar Worte. Er war ein wenig entmutigt, weil er in de Hitze der Felder nicht mehr hatte laufen können. Wir versuchten, ihm ein wenig Mut zuzusprechen und machten uns wieder auf den Weg.

Die Sonne stand nun, gegen 18 Uhr, schon sehr tief und die nachlassenden Temperaturen stärkten unsere Zuversicht. Einen Kilometer später holten wir Sven auf, der sich uns nun endgültig anschloss. Zu dritt durchquerten wir die Wahner Heide und bogen vor dem Königsforst nach Osten ab, um den langen Schlenker um diesen schönen Abschnitt zu laufen (danke auch, zuständige Forstbehörde!). Hier gingen wir eine ganze Weile recht stramm, da wir einige Anstiege vor uns hatten.

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Irgendwo hinter Kleineichen checkte ich den Akkustand der Uhr: 26%. Das war nicht gut. Mit noch vierzig Kilometern vor uns würde das niemals reichen! Ich verfluchte mich dafür, angesichts eines recht vollen Rucksacks auf das Ladekabel verzichtet zu haben. Nach einigen Minuten stillen Ärgers dachte ich darüber nach, was ich würde tun können. Ich verzichtete zunächst auf den Brustgurt und schaltete das Bluetooth der Uhr komplett aus. Vielleicht würde das schon helfen. Während wir entlang der recht reizlosen Landstraße weiterliefen, drehten sich meine Gedanken weiter um die Frage, wie lange die Uhr noch durchhalten würde – ich beschloss, bei etwa 15% in den sauren Ultratrac-Apfel zu beißen. Immer noch besser, als gar kein Track auf den letzten Kilometern. So liefen wir in der tiefstehenden Abendsonne nach Bensberg ein, wo Schluppe kurz in einer Kneipe verschwand und reichlich entspannt wieder heraustrat (nachdem er sich ein großes Spezi gegönnt hatte). Wir bogen um die nächste Ecke und wurden vom örtlichen VP mit Beifall und Jubel begrüßt.

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Bensberg, Baby! – Linsensuppe, Käsestücke und eine Kackwurst

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Wir rüsteten wie üblich auf und ich gönnte mir eine Linsensuppe und gefühlt 35 Stück Käse. Sven litt etwas, doch Schluppe und ich waren ganz gut gelaunt. Einzig die blauen Einzelkabinen, die auf der gegenüberliegenden Wegesseite geparkt waren, zogen mich magisch an. Ich gönnte mir eine Einzelsitzung, was mich erheblich erleichterte und war bereit für neue Schandtaten. Ich schaute auf die Uhr: die 15%-Marke war erreicht. Also Ultratrac und entsprechend schlechte Aufzeichnung. Wir gingen hoch bis zum Schloss, in dessen Hof wie immer die Protzkarren parkten, umrundeten den Prachtbau und schlugen uns dann ins Wohngebiet. Die Stadt Bergisch Gladbach hatte uns nämlich für den Wald in diesem Jahr keine Freigabe erteilt – egal, dachten wir uns, lärmen die paar hundert Leute halt durch die Wohngebiete! Nachdem wir den Ort hinter uns gelassen hatten, liefen wir eine Schleife, bevor wir wieder in westliche Richtung abbogen. Hier trafen wir wieder auf den Milchhof, der Schluppe schon im letzten Jahr animiert hatte, am Automaten eine Flasche Milch zu kaufen. So war es ja quasi schon Pflicht, dieses Jahr ebenfalls ein wenig Geld dazulassen. Sven und ich freuten uns über die kleine Pause und hockten uns ein Stück den Berg hinauf an den Wegesrand, bis der Bestell- und der Konsumvorgang abgeschlossen waren. Anschließend ging es weiter. Eine Landmaschine passierend, fragte ich Schluppe, ob dies einer dieser berühmten GPS-Trecker sei, von denen schon den ganzen Tag die Rede sei? Er kenne sich nur mit Veranstaltungstechnik aus, bekam ich zur Antwort und ich ergänzte, ein Satellitentrecker müsse ja auch irgendwoherum kreisen und dieser stehe still, sei also wenigstens außer Betrieb.

Am Lerbacher Weg bogen wir wieder in den Wald ab – es war zwar noch nicht ganz dunkel, aber hier waren die Wege nicht mehr besonders gut zu erkennen und wir wollten nicht Gefahr laufen, auf dem unebenen Weg zu stürzen, also nahmen wir unsere Stirnlampen in Betrieb, während Schluppe sich nochmal ins Gebüsch hockte. Von hier aus liefen wir noch eine Weile, bis wir etwa bei Kilometer 88 den VP 11 erreichten, betrieben durch die Laufbrigade Oberberg. Hier wurden wir hervorragend versorgt und ich griff wieder mmit vollen Händen nach dem Käse. Weiteres Essen kam mir aber nicht mehr so reizvoll vor und ich begnügte mich mit massenhaft Cola, während ich mich setzte und meine Flaschen auffüllte. Es lief lauter Heavy-Metal, was mich zusehends nervte, und auch die Stimmung war mir etwas zu trubelig. Als ich alles fertig hatte, drängte ich die Anderen, weiterzulaufen.

Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele – der letzte Halbmarathon

Nun ging es durch wohlbekanntes Gelände, das abseits des Weges in der Dunkelheit verschwamm. Diese Dunkelheit macht den sichtbaren Bereich eigentlich sehr klein, aber gleichzeitig durch die in der Schwärze verschwimmende Umgebung zu groß für den Kopf. Die Strecke wabert einfach an einem vorbei und zeigt einem nur einzelne Anhaltspunkte. Wir schwiegen nun abseits einiger Worte über die nächste Abzweigung die meiste Zeit. Beschimpften uns ein wenig, wenn einer zu schnell wurde und tauschten uns über die Stellen aus, die uns wehtaten. Bei mir waren es vor allem die Füße, was mich dankbar wieder anlaufen ließ, wenn wir eine Gehpause beendeten. Wir überholten Andreas, der äußerst angeschlagen wirkte und in zwei verschiedene Richtung zu blicken schien. Der letzte VP rückte immer näher. Im letzten Jahr war er nicht in Betrieb genommen worden, was wir ziemlich schlecht fanden, so dass wir uns am VP11 vorsichtshalber mit etwas mehr Flüssigkeit eingedeckt hatten. Wir hofften nicht zuletzt für Andreas, dass wir dieses Jahr nicht enttäuscht würden. Nach einigen Minuten aber kam eine Einflugschneise aus Kerzen in unseren Blick und wir wurden von einem voll ausgestatteten VP inkl. Pfadsucher empfangen!

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Wie großartig! Ich quatschte eine Weile mit ihm, während wir uns stärkten und wieder auffüllten, was mir eine Menge Kraft gab. Wir hatten die Leute am VP auf Andreas angesprochen, woraufhin sich jemand eine Lampe schnappte, um ihm ein Stück entgegenzugehen. That’s the spirit! Wir hielten uns nicht lange auf, denn hier, kurz vor dem 100km-Punkt, wollten wir nur noch ins Ziel. Wir feierten noch kurz Schluppes dreistelliges Debüt und liefen dann wieder schweigend nebeneinander her. Die letzten elf Kilometer zogen sich ewig hin: je näher wir dem Ziel kamen, desto langsamer schienen wir voranzukommen. Wir überquerten die Bahnlinie, ließen den Von-Diergardt-See rechts liegen und liefen neben den Gleisen weiter. Jetzt bald, das wussten wir noch vom letzten Jahr, würden wir nach Höhenhaus zurückkommen und nur noch ein paar Kilometer laufen müssen, bis wir ins Ziel kämen. Wir liefen über die Wiese in Dünnwald, durch die Menschenleeren Straßen, durchquerten die beiden letzten Waldgebiete und es schien ewig so weiterzugehen, bis uns schließlich der Wald auf dem Flachsacker ausspuckte und wir das Ziel nur ein paar Schritt von uns entfernt sehen konnten. Wir jubelten und rannten ein letztes Mal los. Ich vorran, hüpften wir ins Ziel und waren so froh, endlich fertig zu sein!

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Free at last, free at last

Hinter der Ziellinie erwartete uns schon Tom, der besonders Schluppe gratulierte – wir fielen uns alle in die Arme und genossen das Gefühl, im Ziel zu sein. Da wir direkt abreisen wollten, überreichte uns Tom unsere Buckles und wir verabschiedeten uns, nachdem wir unsere Tracker abgegeben hatten. Mit kleinen Schritten humpelten wir zum Auto, holten unsere Taschen mit den Duschsachen und gingen sehr langsam wieder zurück. Im Duschraum zogen wir uns in Zeitlupe aus. Ich war als erster unter dem warmen Wasserstrahl und genoss das Gefühl sehr. Wir wuschen uns den Lauf vom Leib, schlüpften in frische Kleidung, verabschiedeten uns ein weiteres Mal von allen und sprachen unseren Dank aus, bevor wir uns auf die Fahrt nach Hause machten.

Ich beglückwünschte Schluppe, der seine Maximaldistanz mit diesem Lauf immmerhin um fast 40 Kilometer erhöht hat. „Danke“, sagte der, schwieg einen Moment und fügte hinzu: „bin ich jetzt ein echter Ultra?“ – „Das warst Du schon vorher“, sagte ich, „aber spätestens jetzt bist Du es!“ antwortete ich.

Wir sprachen ein wenig über unsere ersten Eindrücke und waren größtenteils damit beschäftigt, uns gegenseitig unserer Müdigkeit zu versichern. Das dauerte eine Weile, denn wir waren sehr müde und meinten, das könne man mit einem einfachen Wort wie „müde“ einfach nicht abschließend einfangen. In Remscheid hielt Schluppe, kaufte sich einen Energy-Drink (Café gab es nicht und so meinte er, probiere er mal, was die jungen Leute immer trinken) und bedeutete mir, das Fahren zu übernehmen. So fuhr ich uns zu  mir nach Hause, wo wir uns verabschiedeten und Schluppe, belebt durch seine geschmolzenen Gummibärchen, das Steuer selbst wieder übernahm. Ich räumte die nötigsten Dinge aus der Tasche und kroch wenige Minuten später unter meine Bettdecke. So ein riesiger Haufen Adenosin baut sich schließlich nicht von alleine ab!

Danke, immer wieder gern!

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Zuvor hatte ich gedacht, der Kölnpfad würde für mich im Endeffekt zwar ein anstrengender, aber kein besonders wichtiger oder ausschlaggebender Lauf werden. Doch ich habe mich getäuscht, denn er hat durchaus seine Spuren hinterlassen: einerseits war ich schon wesentlich routinierter, als bei den vorangehenden Ultras im dreistelligen Bereich; dadurch, dass die Distanz nicht mehr ganz außergewöhnlich für mich war, konnte ich deutlich gelassener an den Lauf gehen. Dadurch, dass ich meine Flaschen selbst habe füllen müssen, war ich an den VP wesentlich sortierter und habe bei weitem nicht so viel Zeit verbraucht. Zum ersten Mal schienen mir die VP bei einem dreistelligen Ultra nicht nur wie Punkte, an denen ich neben dem notwendigen Auffüllen der Flaschen meine Müdigkeit bemerkte und ein leises, aber bohrendes Gefühl der Unzulänglichkeit zurückblieb, sondern sie waren wahre Oasen, an denen ich mich stärken konnte und die ich mit neuer körperlicher und mentaler Energie verließ. Das lag auch an den besonderen Menschen, die ich dort traf, seien es Läufer oder freiwillige Helfer.

Neben der besseren Boxenstrategie half mir auch die Anwendung der wichtigsten beiden Erkenntnisse der Tortour:

  1. Trinke viel, mindestens einen Liter pro Stunde!
  2. Mache an jedem VP deinen gesamten Körper, auch die Arme, richtig nass!

Dadurch kam ich recht gut mit der Hitze zurecht. Eine weitere Erkenntnis: mir bekamen die Eintöpfe und besonders Käse sehr gut – speziell etwas härterer Käse wie etwa mittelalter Gouda schmeckte auch nach über 60 Kilometern noch recht gut.

Wieder einmal war aber eine Sache wirklich am schönsten: die Verbundenheit zwischen den Läufern, den Helfern und den Anwohnern, die uns zugewunken, -geklatscht oder gar mit einer Dusche und Getränken unterstützt haben. Die Erfahrung dieser besonderen Gemeinschaft ist immer wieder eine besondere!

Alles in Allem bleiben für mich viele neugelernte Dinge zurück, ein Zugewinn an Selbstbewusstsein und der feste Vorsatz, dem Kölnpfad auch weiterhin treuzubleiben. Ob ich im nächsten Jahr wieder die 110er-Distanz angehen und meine Zielzeit etwas verbessern oder gar den vollen Lauf angehen werde, steht noch in den Sternen und ist von meiner sonstigen Saisonplanung abhängig – aber dass ich wieder mitmachen werde, das steht ja wohl außer Frage!

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